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APA-Serie 100 Jahre Salzburger FestspieleVom Mozartfest zur Nazipropaganda, von Karajan zu Hinterhäuser

Die Festspielgeschichte von den Anfängen bis heute im Zeitraffer.

++ ARCHIVBILD ++ SALZBURG: ´100 JAHRE SALZBURGER FESTSPIELE´
"Jedermann"-Aufführung 1946 © APA/DPA
 

Die Salzburger Festspiele werden 100. Anfangs mit sechs Aufführungen eines Ersatzprogramms, sind sie zum wahrscheinlich bedeutendsten Klassikfestival der Welt avanciert. Die Zeichen der jeweiligen Zeit haben sich in die Chronik der Festspiele geschrieben, vom Kampf ums wirtschaftliche Überleben bis zur Vereinnahmung als Nazipropaganda, vom Traum eines "Friedenswerks" bis zum Kulturtourismus.

Langzeit-Präsidentin Helga Rabl-Stadler sprach einst von einer "Hochschaubahn der Gefühle": "Atemberaubende Aufführungen, aber auch Skandale, mitreißende Theaterabende, aber auch Streitigkeiten, außerirdisch schöne Konzerte, aber auch allzu menschliche Eifersüchteleien... Jubelstürme, Standing Ovations, aber auch Buhrufe und dann die Begleitung der Medien, Lobeshymnen, scharfe Kritik, blanker Hohn. Großes Welttheater eben, auf der Bühne, hinter der Bühne und neben der Bühne." Im Folgenden eine kurze Chronologie.

1877 bis 1910: Nach einem Fest zur Einweihung des Mozart-Denkmals 1842 in Salzburg veranstaltet die Internationale Stiftung Mozarteum in unregelmäßigen Abständen insgesamt acht Musikfeste zu Ehren des großen Komponisten der Stadt. Dabei treten die Wiener Philharmoniker 1877 erstmals außerhalb Wiens auf. Diese Mozartfeste - ein Gegenpol zu Wagners Bayreuth - gelten als Vorläufer der Salzburger Festspiele, ziehen Gäste aus vielen Ländern an und formen Salzburg schon damals zur Tourismusstadt: 1879 bietet der britische Reiseveranstalter Thomas Cook bereits Pauschalreisen inklusive Karten für das Musikfest an.

1903/04: Schauspieler und Regisseur Max Reinhardt und Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal schmieden ersten Pläne für Festspiele in Salzburg, in die Jahre später auch der Komponist und Dirigent Richard Strauss eingebunden wird.

1917: Reinhardt formuliert in einer Denkschrift die Idee eines Festspiels im barocken Salzburg als "eines der ersten Friedenswerke"; "Sommerspiele im ländlichen Umfeld sollten es sein", schreibt er Jahre später. Der Versicherungsdirektor Friedrich Gehmacher und der Musikkritiker Heinrich Damisch gründen die "Salzburger Festspielhaus-Gemeinde" und erstellen ein Konzept.

1918: Ein Leitungsgremium für die Festspiele wird bestellt, es besteht aus Reinhardt, Strauss und dem Wiener Operndirektor Franz Schalk.

1919: Hofmannsthal und der Bühnenbildner Alfred Roller werden in das Gremium aufgenommen, Hofmannsthal publiziert die erste Festspielprogrammatik.

1920: Am 22. August geht der "Jedermann" von Hofmannsthal in Reinhardts Regie vor dem Salzburger Dom zum ersten Mal über die Bühne. Eigentlich als Notlösung, weil das ursprünglich geplante Werk (die Angaben dazu sind unterschiedlich) nicht rechtzeitig fertig wird. Außerdem war die Aufnahme des "Jedermann" bei der Uraufführung 1911 in Berlin eher bescheiden. In Salzburg, inszeniert vor dem Dom, wird er hingegen zum vollen Erfolg.

1921: Erste Konzerte - im 1914 eröffneten Mozarteum - kommen zum "Jedermann" dazu.

1922: Erste Opernaufführungen mit vier Mozart-Opern im Stadttheater (heutiges Landestheater), erste Uraufführung mit Hofmannsthals "Das Salzburger große Welttheater" in der Kollegienkirche, erstmals spielen die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, Grundsteinlegung für ein Festspielhaus in Hellbrunn, das mangels Geld nie gebaut wird. Strauss folgt Alexander Thurn und Taxis als Festspielpräsident.

1924: Die Festspiele fallen aus wirtschaftlichen Gründen aus, nachdem sie schon 1923 ohne "Jedermann" aus nur einer Theaterproduktion bestanden hatten. Danach rettet Landeshauptmann Franz Rehrl die Festspiele mehrmals mit Sondersubventionen.

1925: Das Terrain der großen Winterreitschule der Fürsterzbischöfe (heutiges Haus für Mozart) wird erstmals als provisorisches Festspielhaus genutzt. Erste Radioübertragung mit "Don Giovanni".

1926: Die (Sommer- oder) Felsenreitschule kommt als zweite Spielstätte dazu. Clemens Holzmeister baut das Festspielhaus zum ersten Mal um. Ein Gesetz über die Bildung eines "Fonds zur Förderung des Fremdenverkehrs im Land Salzburg" sorgt für die wirtschaftliche Absicherung der Festspiele. Salzburg wird in diesen Jahren zum Treffpunkt der besten Künstler der Zeit wie Bruno Walter, Arturo Toscanini, Clemens Krauss und Fritz Busch, Alexander Moissi, Werner Krauß und Helene Thimig sowie Lotte Lehmann und Richard Tauber.

1928: Die Künstlerin Poldi Wojtek kreiert ein Festspielplakat, das bis heute das Logo des Festivals ist.

1938: Nach dem "Anschluss" wird der "Jedermann" des Juden Hofmannsthal und auch die "Faust"-Inszenierung des Juden Reinhardt in der legendären Fauststadt (Felsenreitschule) abgesetzt, nicht aber die Strauss-Opern mit Hofmannsthals Libretti. Jüdische Künstler erhalten Aufführungsverbote oder gehen ins Exil. Arturo Toscanini, in den Vorkriegsjahren die prägende Figur der Festspiele, verweigert seine Teilnahme am Festival. Das internationale Publikum bleibt weitgehend aus.

1939: Das Festspielhaus des emigrierten Clemens Holzmeister wird einer nationalsozialistischen Ästhetik entsprechend umgebaut. Hitler besucht die zu einem Propagandainstrument umfunktionierten "Deutschen Festspiele Salzburgs" (Goebbels). Krauss, Karl Böhm und Hans Knappertsbusch prägen die Festspiele der Nazizeit künstlerisch.

1944: Goebbels sagt die Festspiele wegen des Hitler-Attentates ab. Clemens Krauss darf aber am 16. August die Generalprobe zur geplanten Uraufführung von Richard Strauss' neuester Oper "Die Liebe der Danae" abhalten.

1945: Erste Nachkriegsfestspiele unter amerikanischem Protektorat. Nach und nach kehren die in der Nazizeit unerwünschten Künstler wie Rolf Liebermann und Georg Solti zurück. Heinrich Puthon, Festspielpräsident von 1926 bis 1938 wird von den Amerikanern wieder eingesetzt.

1946-1959: Oskar Fritz Schuh führt erstmals Regie; er entwirft eine Salzburger Dramaturgie, versieht den Opernspielplan mit zeitgenössischen Akzenten und inszeniert bis 1970 bei den Festspielen 30 Produktionen. Künstler wie Frank Martin, Carl Orff, Werner Egk oder Gottfried von Einem bringen die Moderne ins Spiel.

1950: Ein einzigartiges Bundesgesetz wird erlassen, in dem die Finanzierung dauerhaft geregelt wird und das bis heute gilt: Der Bund übernimmt 40 Prozent des Abgangs, Land, Stadt und Fremdenverkehrsförderungsfonds Salzburg je 20 Prozent.

1951: Ein politischer Skandal erschüttert die Festspiele in Zeiten des Kalten Kriegs: Gottfried von Einem beauftragt Bertolt Brecht, unter dem Titel "Totentanz" ein neues Stück für die Festspiele zu schreiben, das den "Jedermann" ablösen soll; von Einem wird aus dem Direktorium der Festspiele (seit 1948) gefeuert, das Stück wird nie fertiggestellt.

1957: Herbert von Karajan (erstes Dirigat bei "Faust" bei den Festspielen 1933) wird künstlerischer Leiter, ab 1964 auch Mitglied des Direktoriums. Er leitet die Festspiele als Alleinherrscher bis zu seinem Tod 1989. "Perfektionist" Karajan etabliert die romantische und italienische Oper im Programm, holt Gastorchester, die Platten- und Filmindustrie, die Weltstars der Bühnen und letztlich auch den Jetset nach Salzburg und driftet im Lauf von fast drei Jahrzehnten in künstlerische Stagnation.

1958: Erste Fernsehübertragung einer Festspielproduktion ("Jedermann").

1960: Am 26. Juli wird das nach Plänen von Clemens Holzmeister gebaute, teils aus dem Mönchsberg gesprengte Große Festspielhaus mit dem "Rosenkavalier" eröffnet. Damit sind die Pläne für ein Festspielhaus außerhalb der Altstadt endgültig vom Tisch, der Festspielbezirk in den ehemaligen Hofstallungen etabliert sich.

1963: Das "alte" Festspielhaus wird nach dem Umbau als Kleines Festspielhaus wiederöffnet.

1989: Tod Herbert von Karajans.

1990: Die Festspiele steigen ins Zeitalter des Kultursponsorings ein, erste Geldgeber sind Nestle, ABB und Allianz.

1991: Gerard Mortier wird Intendant und Erneuerer. Mortier modernisiert das Repertoire, vermittelt mitunter auch ästhetisch provokative Sichtweisen und spricht damit jüngeres Publikum an. Künstler wie Herbert Wernicke, Ursel und Karl-Ernst Herrmann, Peter Mussbach, Hans Neuenfels, Luc Bondy, Peter Sellars, Robert Wilson und Christoph Marthaler prägen die Bühnenästhetik der Ära Mortier. Leos Janacek, Olivier Messiaen und György Ligeti, aber auch Igor Strawinsky, Arnold Schönberg, Alban Berg oder Kurt Weill finden Eingang ins Opernrepertoire.

1993: Die Perner-Insel in Hallein wird Spielstätte.

1995: Helga Rabl-Stadler wird Präsidentin.

1998: Erstmals findet zu Pfingsten ein Barockfestival statt.

2002: Peter Ruzicka wird Intendant. Er hinterlässt Spuren durch seinen Opernzyklus der Exilkomponisten Erich Wolfgang Korngold, Alexander Zemlinsky und Franz Schreker sowie durch "Mozart 22", eine Aufführungsserie aller 22 Bühnenwerke Mozarts im Jubiläumsjahr 2006. Schauspielchef Jürgen Flimm ruft das "Young Directors Project" ins Leben.

2006: Das Haus für Mozart wird eröffnet. Wilhelm Holzbauer hat das Kleine Festspielhaus nach umstrittenen Architektenwettbewerben neu gebaut.

2007: Jürgen Flimm wird Intendant. Sein Vertrag soll bis 2011 laufen. Flimm wird Salzburg aber auf eigenen Wunsch bereits nach dem Festspielsommer 2010 verlassen.

2011: Markus Hinterhäuser, in Flimms Intendanz bereits erfolgreicher und innovativer Konzertchef, wird interimistischer Intendant. Ihm steht weiterhin Thomas Oberender als Schauspielchef zur Seite.

2012: Alexander Pereira, Operndirektor in Zürich, übernimmt die Leitung der Festspiele. Sein Schauspielchef wird Sven-Eric Bechtolf. Er führt die Auftaktwoche "Ouverture spirituelle" ein; seine Programmwünsche und Expansionspläne führen zum Konflikt mit dem Kuratorium, das schließlich eine Ausgabenobergrenze einzieht. Noch vor seinem zweiten Festspielsommer gibt er seinen Wechsel an die Mailänder Skala ab 2015 bekannt.

2016: Der Vertrag mit Präsidentin Rabl-Stadler wird bis zum Ende der Jubiläums-Festspiele 2020 verlängert. Danach sei 100-prozentig Schluss, so die Langzeit-Präsidentin.

2017: Markus Hinterhäuser übernimmt die Intendanz, nachdem Präsidentin Rabl-Stadler und Sven-Eric-Bechtolf als künstlerischer Leiter für die beiden Interimsjahre an der Spitze gestanden sind.

2019: Hinterhäusers Vertrag wird vorzeitig bis 2026 verlängert.

2020: Die Coronavirus-Pandemie platzt in die Vorbereitungen für die Jubiläums-Festspiele. Die Landesausstellung "Das Große Welttheater - 100 Jahre Salzburger Festspiele" wird verschoben, das Pfingstfestival abgesagt. Für Sommer wurde eine Entscheidung per Ende Mai angekündigt.

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