Schon wieder alles richtig gemacht. Mit Thomas Köcks „dritte republik“ hat Anita Vulesica 2020 grandios in Graz debütiert, mit Svenja Viola Bungartens „Garland“ erst letzte Woche in Wien den Theaterpreis „Nestroy“ geholt. Für ihre dritte Inszenierung am Grazer Schauspielhaus hat sie nun Eugene Ionescos „Die kahle Sängerin“ aus dem Avantgarderegal gezogen, abgestaubt und ausgeklopft; und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird das gefälligst ein Publikumshit.

Die Premiere am Freitag lässt darauf schließen. Sehr langer Jubel nach zwei Stunden, in denen das sechsköpfige Ensemble (Beatrice Frey, Moritz Grove, Katrija Lehmann, Frieder Langenberger, Evamaria Salcher und Raphael Muff) alle Register zieht: sprachliche Präzision und Körperhumor, Slapstick, Kakophonie, Musik und am Ende auch noch jede Menge Liebe. „Die kahle Sängerin“ war 1950 Ionescos Theaterdebüt, er gilt seither als einer der Begründer, das Werk als Paradestück des Absurden Theaters, in dem die Sprache als sinnentleertes Kommunikationsinstrument einer menschlichen Existenz ohne Sinn und Zweck zelebriert wird.

Das könnte man mittlerweile auch durchaus überholt finden. Zumal in einer Gegenwart, die sich als weit unsinniger erleben lässt als das absurdeste Theater. Und zumal die redselige Sprach- und Gedankenlosigkeit eines saturierten Bürgertums schon in jedem besseren Fernsehfilm durch den Kakao gezogen worden ist, hat das Publikum auch kaum noch Anlass sich, wie einst vor gut 70 Jahren, durch den Text provoziert zu fühlen. Im Gegenteil: Vielleicht amüsiert sich gerade eine Gesellschaft, die sich aus gutem Grund ständig manipuliert, angelogen und hinters Licht geführt sieht, mit einer gewissen Erleichterung über das banale Alltagsgeschwätz der Figuren - denn wenigstens verbirgt sich hinter ihm ja nur der Abgrund der Sprachlosigkeit.

Drama im "Red Room"

Mr. Und Mrs. Smith sitzen daheim und tauschen Gemeinplätze aus. Mr. und Mrs. Martin, die zu Besuch kommen, scheinen einander nicht zu kennen, stellen dann aber fest, dass sie im selben Haus wohnen, verheiratet sind und ein Kind miteinander haben. Ein Feuerwehrhauptmann lässt sich an seinem Schlauch von der Decke herunter und beklagt einen Mangel an Feuersbrünsten, das Dienstmädchen Mary erkennt in ihm einen früheren Liebhaber. Der Abend endet in kakophonischem Geschrei. Viel mehr passiert im Original nicht.

In Graz hat Ausstatterin Henrike Engel die Bühne zur Gänze mit schäbigem roten Samt ausgeschlagen, der an das Zwischenreich des „Red Room“ in David Lynchs „Twin Peaks“ erinnert. Darin torkeln und turnen die Darstellerinnen und Darsteller in wehenden Disco-Fetzen (Kostüme: Janina Brinkmann) durch Szenen voll Unsinn, Situationskomik, Nonsens-Sätzen und Anekdoten ohne Pointe; und als wäre das noch nicht abgefahren genug, treibt Vulesica ihr Team sprachlich und körperlich in ein Furioso an Repetition und Übertreibung, das auch ziemlich schrecklich sein oder zumindest allzu bemüht wirken könnte, aber durch das genau richtige Augenmaß an Zuviel ständig zum Lachen reizt – etwa, wenn die Schauspieler auf ungefähr 40 verschiedene Arten eine Treppe hinauf- und wieder hinuntersteigen oder am Ende, in schillernden Sgt.-Pepper-Umhängen und mit dem selbstgebastelten Song „Love isn’t silly at all“ das Auditorium erfolgreich zum gut zehnminütigen Mitsing-Lovefest anstacheln. Merke: Liebe überwindet auch das eindrucksvollste Sprachversagen. Und: Es ist alles sinnlos, aber zum Lachen.

Das gelingt, weil Vulesica ihre Schauspieler mit sicherer Hand in den Irrsinn führt und diesen der Spaß, den sie auf der Bühne haben, durchaus anzusehen ist: Beatrice Frey gibt die scharfzüngige Hausherrin Mrs. Smith mit markanten Bewegungsmustern, Katrija Lehmann das Dienstmädchen Mary, das sich für Sherlock Holmes hält, wie Groucho Marx aussieht und demnächst bitte das Ministry of Silly Walks übertragen bekommen sollte. Evamaria Salcher demonstriert als Mrs. Martin hinreißend, dass sie Unverständliches auch auf Englisch und Französisch brabbeln kann, Raphael Muff macht als Feuerwehrmann die fadeste Endlos-Anekdote der Welt zum Gustostück. Und Frieder Langenberger und Moritz Grove deklamieren sich mit viel Witz als rechtschaffene Ehemänner durch einen Abend, bei dem dann auch noch Inspizient Roland Fischer eine Gastrolle übernimmt. Als kahle Sängerin natürlich. Die tritt zwar im Original nicht auf, aber so ist es fast noch schöner.

Die kahle Sängerin. Von Eugene Ionesco. Regie: Anita Vulesica. Schauspielhaus Graz. Nächste Termine: 23. / 25. / 30. November, 3. / 15. / 20. / 31. Dezember. www.schauspielhaus-graz.com