Wiener FestwochenDie große Tragödie der Menschheit als Kindergeburtstag mit Countrymusik

Die Apokalypse als vierstündige Country-Oper: „Burt Turrido“ des Nature Theater of Oklahoma entpuppt sich erst allmählich als Meisterwerk über das menschliche Dasein.

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Robert M. Johanson und Bence Mezei in "Burt Turrido" im Theater Akzent © Jessica Schaefer
 

Für die Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma braucht es vor allem Sitzfleisch. Die beiden US-Theatermacher Kelly Copper und Pavol Liska, die sich nach einer fiktiven Theatergruppe aus Franz Kafkas „Amerika“ benannt haben, lieben die epische Breite, mit der sie Theaterformen und künstlerische Medien erproben. Mit „Burt Turrido“ sind sie bei der Oper angekommen. Auf sehr amerikanische Weise: Die fünf Darstellerinnen und Darsteller pflegen den Sprechgesang zu Countrymusik und passendem Line-Dance. Die dabei über vier Stunden entstehende Eintönigkeit ist zwar bisweilen schwer erträglich, der Ermüdungskrieg gegen den Hörnerv entpuppt sich aber allmählich doch als große Oper: als Welttheater der Gefühle.

Die Geschichte mutet wie ein symbolistisches Märchen an. Burt Turrido, ein Mann anfangs noch ohne Namen und Geschichte, vielleicht ein Schiffbrüchiger, vielleicht ein Flüchtling oder ein Außerirdischer wird von Wassergeistern aus dem versuchten Ozean gerettet. Er spült ihn an einen vermüllten Strand, der zu einem von nur drei Personen bewohnten Land gehört: Königin Karenund  König Bob haben die Mitbewohner umgebracht, alle bis auf Joseph, Karens Affäre, in einem Kellerloch bei den Leichen darbend.

Klimakrise, Flüchtlingselend und Migrationsströme, Kolonialismus, die Zerstörung der Umwelt und fehlgeschlagene politische Utopien: Die düsteren Themen und drängenden Probleme unserer Zeit beherrschen den Hintergrund des postapokalyptischen Horrors von „Burt Turrido“, doch im Zentrum stehen fünf emotional isolierte Personen auf der Suche nach Glück, Identität und Liebe. Copper und Liska mischen dabei radikal Triviales und Tragisches, Banales und Philosophisches, und basteln ironische Illusionsbrüche in einen Abend, der im Gesamten schon wie ein ironischer Illusionsbruch anmutet.

Sehr karg, doch fantasievoll sarkastisch sind die Requisiten und Kostüme, in denen sich die fünf großartigen Akteurinnen und Akteure im Line-Dance-Modus bewegen: Anne Gridley als verhärmte und rücksichtslose Karen, die so gerne ein Baby hätte. Robert M. Johanson als bizarrer Schlagetot und seiner Frau Karen höriger König Bob, Kadence Neill als Wassernixe Emily, die ihren Mörder und Ex-Mann Joseph immer noch liebt, und Bence Mezei als von Schuldgefühlen geplagter, wortreich leidender Joseph – sie umschweben und umtanzen den rätselhaften Besucher Burt (Gabel Eiben), eine Erlöserfigur, den dasselbe Schicksal ereilt wie alle anderen. Keiner kommt hier lebend raus, und in der Ewigkeit gehen die Probleme ewig weiter.

Doch dem Pessimismus dieses stimmungsmäßig zwischen Kindergeburtstag und erschütternder Tragödie changierenden Abends ist so manches Trostwort eingehegt: „Wir haben Liebe an einem hoffnungslosen Ort gefunden“, sagt eine Figur. Mag die Lage hoffnungslos sein, ernst ist sie nicht. Näher bei Franz Kafka und seiner Weltanschauung war das Nature Theater wohl noch nie.

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