Selbstbewusste Weiblichkeit, die kratzt und Spaß macht

Die Tänzerin Ursula Graber findet in ihrer Performance "Woman Hood" so starke wie witzige feministische Selbstbilder in gängigen Archetypen weiblicher Selbstbehauptung.

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Tänzerin Ursula Graber: Vielschichtigkeit ohne Fragmentierung © Clemens Nestroy
 

Ihr eigener fauchender Atem gibt der Kriegerin, die da über die Bühne wirbelt, den Takt: Schon für den Auftakt ihrer Solo-Performance "Woman Hood" findet Ursula Graber ein eindringliches Bild. Die Grazer Tänzerin untersucht in ihrem neuen Stück feministische Selbstbilder und eignet sich dafür gängige Archetypen weiblicher Selbstbehauptung an: die Kriegerin. Medea. Die Verrückte.

Das Setting aus weichen Stoffwürsten, die da am Boden lümmeln und von der Decke baumeln, mutet dabei erst einmal recht phallisch an, illustriert dann aber sehr wirksam die weichen Übergänge zwischen dem Femininen und dem Maskulinen, die Graber in diesem hinreißenden Solo untersucht.

Aus der kratzigen, wehrhaften Amazone, die sich augenzwinkernd machistischer Drohgebärden bemächtigt und zwischen Blitzlichtgewittern und Vogelgezwitscher Raum nimmt, wird im Grazer Kristallwerk Medea, Inbild des Anderen, Unheimlichen. Der in groben Filz gehüllten Figur  mit dem zur antiken Tragödienmaske verzerrten, versteinerten Gesicht gelingt das Wagnis der Häutung; ihre Wandlung mündet in ein übermütiges Spiel mit der Weiblichkeit, wie sie am liebsten wahrgenommen wird.

Am Ende wird, zwischen Laurie Andersons "O Superman" und einer "Bohemian Rhapsody" in Quietschentenversion zweischweifig getwerkt und auf Würsten gesurft, während sich die ausgelassene Figur auf der Bühne auf dem dahinter liegenden Screen immer weiter vervielfacht. Vielschichtigkeit ohne Fragmentierung, ein besseres Bild hätte Graber für ihr expressiv getanztes Stück um selbstbewusste Frauenbilder kaum finden können. Dass die Performance auch noch Spaß macht, war der dicke Bonuspunkt bei der geschlossenen, analogen Vorpremiere im Grazer Kristallwerk, sollte aber auch in der Online-Version, die ab heute zu sehen ist, spürbar werden. Für beide Varianten gilt: Empfehlung!

Woman Hood. Von Ursula Grabner. Online-Premiere: Freitag, 19.3. um 19 Uhr mit anschließendem Artist-Talk. 20. 3., Performance mit Artist-Talk auf Katalanisch.
Details und Ticketinfo: www.ursulagraber.com/news/2020/10/22/Woman_Hood/

Kommentare (1)
zweigerl
0
0
Lesenswert?

Zweischweifig getwerkt?

Hab mir das - nun ja - etwas freizügige Video angesehen und mir überlegt, was wohl "zweischweifig getwerkt" gewesen sein könnte. Wer sagt denn, dass die leicht hysteroide Tanzkunst nicht auch sprachschöpferisch sein kann?