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Erste echte Staatsopern-Premiere"Das verratene Meer", eine Rarität von Hans Werner Henze

"Das verratene Meer" von Hans Werner Henze in der Inszenierung von Jossi Wieler und dem neuen Chefdramaturgen Sergio Morabito ist am 14. Dezember als Stream und via Radio zu erleben. Das Regieduo stellt weitere Produktionen an der Staatsoper in Aussicht.

Bo Skovhus als Ryuji Tsukazaki, Josh Lovell als Noburo/“Nummer Drei“ ©  Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
 

Seit 1994 arbeiten Jossi Wieler und Sergio Morabito regelmäßig als Regisseure zusammen. Und so ist es kein Wunder, dass auch die erste Regiearbeit, die Morabito als neuer Chefdramaturg der Wiener Staatsoper am Haus vorlegt, mit seinem Sparringpartner entstanden ist: Hans Werner Henzes unbekanntes Werk "Das verratene Meer" wird nach mehreren Übernahmen die erste "echte" Premiere der Direktion von Bogdan Roščić darstellen - und doch physisch zunächst nicht zu sehen sein.

Schließlich verhindern die Corona-Restriktionen eine Premiere vor Publikum. "Aber wir konnten normal proben, wofür wir dankbar waren und sind", freute sich Wieler am Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz. Es sei gleichsam in einer Blase möglich gewesen, auf der Bühne Körperlichkeit auszuleben: "Eine Liebesszene ist eine Liebesszene, eine Rangelei, ist eine Rangelei."

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Der deutsche Komponist Hans Werner Henze (1926 - 2012) © APA

Weniger körperlich wird es dann bei der Premiere am Montag (14. Dezember) zugehen, wird diese doch vor leerem Haus stattfinden und lediglich im Staatsopern-Stream respektive via Ö1 zu sehen und zu hören sein. "Es hat etwas Trauriges. Eine Oper, das kollektivste Kunstwerk schlechthin, sollte auch mit vielen Zuschauern geteilt werden", gestand Wieler ein. Schließlich sei natürlich jede Aufzeichnung ein Verlust.

Aber zum einen soll die Arbeit in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen werden und andererseits dürfte "Das verratene Meer" nicht die letzte Inszenierung des Duos Wieler/Morabito an der Staatsoper gewesen sein. "Wir planen das durchaus für die Zukunft", stellte Letzterer in Aussicht, auch wenn das nicht jede Spielzeit der Fall sein werde: "Wir erzwingen da nichts."

Jetzt feiert man erst einmal mit der 1990 uraufgeführten Henze-Oper den Einstand. Dafür orientierte sich der Komponist am Roman "Der Seemann, der die See verriet" des umstrittenen, exzentrischen japanischen Avantgardeautoren Yukio Mishima (1925 - 1970), der bei einem Putschversuch durch "Seppuku" (Aufschlitzen des Bauches) Selbstmord verübte und sich danach noch von einem Anwesenden enthaupten ließ. Praktisch nie gespielt, sei sie in Fachkreisen dennoch renommiert, zeigte sich Morabito überzeugt: "Ich habe immer wieder mit Dirigenten gesprochen, die mich aufmerksam gemacht haben auf diese Partitur."

Möglicherweise habe die Kombination aus einem abschreckenden, von halben Kindern verübten Gewaltexzess sowie einem einzigen, durch brutale Streichungen gekennzeichneten Mitschnitt aus Salzburg 2006 den Erfolg bisher verhindert. Als dann Bogdan Roščić nach einem Werk des 20. Jahrhunderts für die Auftaktspielzeit gesucht habe, sei seine Stunde gekommen. "Der Name Henze stand im Raum und ich habe für dieses Werk geworben", sagt Morabito. Mit Erfolg.

Zur Oper

Staatsoper
Jossi Wieler und Sergio Morabito, ein eingespieltes Regieduo © Staatsoper
"Das verratene Meer" von Hans Werner Henze. Musikdrama in zwei Akten. Text von Hans-Ulrich Treichel nach dem Roman "Gogo no Eiko" ("Der Seemann, der die See verriet") von Yukio Mishima.
 
Noboru hat sich einer Bande gewalttätiger Jugendlicher angeschlossen, sehr zur Sorge seiner Mutter Fusako. Sie ist seit acht Jahren Witwe, liebt aber den Schiffsoffizier Ryuji Tsukazaki und will wieder heiraten. Als der Seemann Fusako und Noboru sein Schiff zeigt, ist der Junge stolz auf seinen zukünftigen Stiefvater und erzählt die Neuigkeit seinen Freunden. Die jedoch sehen in Ryuji nur den Erwachsenen, der ihrem Traum von Unabhängigkeit im Weg steht. Ryuji offenbart Noboru, dass sein Leben keineswegs immer heldenhaft verlaufen ist. Umso mehr wünscht sich Noboru, dass Ryuji dem Meer – Sinnbild von Weite und Freiheit für die Jungen – treu bleibt. 

Ryuji macht Fusako einen Heiratsantrag und will seine Karriere als Seemann beenden. Als Noboru dies seiner Bande berichtet, beschließen die Jungen, aus dem Offizier wieder einen „Helden" zu machen, und zwar für immer: Sie verurteilen ihn zum Tode. Noboru, dessen Bewunderung für Ryuji in Hass und Verachtung umgeschlagen ist, lockt den ehemaligen Seemann zum Versammlungsort der Bande. Ryuji bekennt nichtsahnend sein „Verrat" am Meer und wird dafür kaltblütig von den Jungen ermordet. 

Hans Werner Henze zum Inhalt: "Ich denke, es tut not, sich zu vergegenwärtigen, dass das Stück keine Moral im westlichen Sinn hat. Es geschehen die Dinge schicksalhaft, d.h. wie durch Zufall, wie in der Natur. Wir dürfen nicht richten, dürfen keine christlich-westlichen Kriterien ansetzen. Es wird dargestellt, wie Menschen einander begegnen und was die Konsequenzen der Begegnungen sind. Jede Frau kann sich mit Fusako identifizieren, jeder Mann mit Ryuji, und jeder Mensch mit dem Anfänger, dem es zustößt, im College einen Anführer kennenzulernen und in seine Gang von knabenhaften, fast noch infantilen, altklugen Schulkameraden integriert zu werden. Es ist wichtig, dass diese Burschen wie normale oder besser: überdurchschnittlich begabte „college boys“ sich benehmen, wir müssen sie mögen, wir müssen besonders mit Noboru sympathisieren, der Hauptrolle der Oper. […] Sie sind keine Perversen oder Skinheads oder Rocker, dies sind zarte, verletzte Wesen, deren Spielereien irgendwann einmal, sozusagen durch den Unglücksfall einer zerebralen Missfunktion hervorgerufen, in tödliche Wirklichkeit umschlagen. Aber sie sind keine Kriminellen. Es stößt ihnen etwas zu. Ein geistiges Abenteuer, das zu weit geht, außer Kontrolle gerät: die Grenzüberschreitung."
(Text vom Schott-Verlag)

Besetzung:
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Mit u.a. Vera-Lotte Boecker, Bo Skovhus, Josh Lovell, Erik Van Heyningen, Kangmin Justin Kim, Stefan Astakhov, Martin Häßler.

Live-Stream der Premiere am Montag, 14. Dezember, um 19 Uhr, kostenlos auf play.wiener-staatsoper.at

Ö1 strahlt "Das verratene Meer" am 15. Dezember um 19.30 Uhr aus. 

www.wiener-staatsoper.at

 

 

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