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Statement des Burgtheater-DirektorsMartin Kušej: "Ich habe Mühe meinen Unmut zu unterdrücken"

Das Wiener Burgtheater muss, wie alle anderen, ab Dienstag zusperren. Burg-Direktor Martin Kušej meldet sich mit einem Statement zur Lage. Hier im Wortlaut:

ERNENNUNG VON KARIN BERGMANN ZUM EHRENMITGLIED DES BURGTHEATERS: KUSEJ
Burgtheater-Chef Martin Kušej © APA/GEORG HOCHMUTH
 

„Es ist nachvollziehbar und richtig angesichts der hohen Zahl an Infektionsfällen und der mehrheitlichen Einschätzung der wissenschaftlichen Experten Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie zu treffen. Diese Auffassung teilen wir und wir tragen sie als Theater auch mit.

Doch bei allem Verständnis für gewisse Regelungen, sind die erneuten Schließungen für die Kultur eine echte Katastrophe. Und ich habe Mühe meinen Unmut darüber zu unterdrücken, in welche Kategorien unsere Arbeit und die Arbeit aller anderen Kulturschaffenden dieses Landes eingeordnet werden. Theater, Opern, Museen und Konzerthäuser werden quasi als Freizeitgestaltung definiert und werden mit Spielhallen, Wettbüros, Bordellen und Paintballanlagen in einen Topf geworfen. Kultur ist aber viel mehr, nämlich ein Gut, das von der öffentlichen Hand aus gutem Grund gefördert wird. Sie ist Nahrung für alle, und nimmt eine schützens- und erhaltenswerte Aufgabe für das Gemeinwesen wahr, ähnlich wie Schulen und Universitäten. Und sie ist das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie. Gerade das macht sie natürlich systemrelevant. Dies spiegelt sich im aktuellen Umgang mit der Kultur nicht wider.

Selbstverständlich müssen wir auch darüber sprechen, dass diese Maßnahmen für die überwiegende Mehrheit der vor allem freischaffenden Künstlerinnen und Künstler in diesem Land äußerst existenzgefährdend sind. Ein verlässliches Konzept zur Verhinderung dieses beunruhigenden Szenarios und vor allem umfassende konkrete Hilfe wurde seit dem ersten Lockdown massiv vermisst – umso drängender die Frage danach unmittelbar jetzt. Diese Hilfe ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern vor allem eine Frage der Wertschätzung. Spätestens jetzt – wo wir alle auf dem Prüfstand stehen – ist es an der Zeit, sich nachdrücklich und unmissverständlich dagegen zu wehren, als Freizeiteinrichtungen beschrieben zu werden, die lediglich der Unterhaltung, der Belustigung oder der Erholung dienen, wie es im Entwurf zur Verordnung der Bundesregierung heißt. Theater sind auch Orte für gedankliche Auseinandersetzung und für gesellschaftliche Debatte, die es vor allem in Zeiten wie diesen in einer Demokratie extrem braucht.

Insbesondere die politisch Verantwortlichen in Österreich schmücken sich gerne mit dem Begriff der österreichischen Kulturnation. Jetzt in diesem Moment entscheidet sich, ob dahinter mehr als eine leere Worthülse steckt. Ob man sich mit Kultur ziert und die Bühnen dieses Landes für Repräsentationszwecke nutzt, oder ob es ein Bekenntnis und einen Einsatz der Politik für die Grundversorgung der Gesellschaft mit Kunst und Kultur und für alle Künstlerinnen und Künstler in diesem Land Österreich gibt. Und das nicht nur, weil die Kulturbranche einen beachtlichen Wirtschaftszweig darstellt, mit dem andere Branchen eng verknüpft sind.

Zum Schutz unseres Publikums haben wir u. a. mit der Masken-Pflicht und den außerordentlich guten Lüftungssystemen in all unseren vier Spielstätten ein strenges Präventionskonzept umgesetzt. Uns ist keine Ansteckung in unserem Publikum bekannt. Nachdem wir in dieser Spielzeit bisher mit einer Reduzierung des Platzangebots bei 129 Vorstellungen für 43.640 Zuschauerinnen und Zuschauer gespielt haben, werden wir nun 78 Vorstellungen im November absagen müssen. Ähnliches gilt für alle anderen Theater im deutschsprachigen Raum. Der Schließung der Theater scheint eine rein symbolische Bedeutung zuzukommen – denn auf einem erhöhten Ansteckungsrisiko kann sie nicht beruhen! Es ist ärgerlich, dass wir alle die Rechnung begleichen müssen, die einige Dummköpfe, Corona-Leugner und Maskenverweigerer für uns und die ganze übrige Gesellschaft aufgemacht haben.

Nun bleibt uns also nichts weiter übrig, als weiter zu arbeiten und zu proben und unsere nächsten Premieren vorzubereiten. Wir hoffen sehr, dass die Maßnahmen zu einer Eindämmung und Wiedereröffnung im Dezember führen werden.“

Martin Kušej

 

Kommentare (5)
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zweigerl
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Nahrung?

Staatlich geförderte Hochkultur ist "Nahrung"? Jedenfalls kein Grundnahrungsmittel, und bei Bedarf, d.h. wenn mir der Gusto nach Sprechtheater ist, jausne ich in Youtube-Kanälen. Da gibt es neben Raritäten historischer Aufführungen Spitzenleistungen der Bühnenperformance. Theatermacher und Theaterkonsumenten sprechen nicht unbedingt mit der gleichen Stimme, Herr Burgtheaterdirektor!

Horstreinhard
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Wenn die Gehälter der Staatskünstler, Direktoren und Intendanten

endlich an das Gehaltschema des öffentlichen Dienstes angeglichen würden, bliebe jede Menge Geldmittel im Fördertopf für Notsituationen übrig.

himmel17
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Bei Haider-Künstler haben Sie nichts gesagt

Der Zanella-Dienstvertrag, sah bekanntlich eine Jahresgage von 189.000 Euro nebst 30.000 Euro Spesen plus Dienstwohnung plus Diensthandy (inklusive Privatgespräche) vor.

Horstreinhard
9
9
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Alle Verträge in der Kunstszene sind zu evaluieren

Es ist eine Schweinerei welche Summen da gezahlt werden. Egal, wer als Gönner auftritt!

ed
7
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Der Standpunkt bestimmt das Bewußtsein

Klar, dass Herr Kusej für sein Steckenpferd in die Bresche springt,
nachvollziehbar, dass aus Sicht der Regierung die kulturellen Bedürfnisse recht weit oben in der Maslov-Pyramide rangieren, daher als temporär verzichtbar erscheinen.

Mit finanzieller Kompensation sollte sich etwas machen lassen.