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Kritik Salzburger FestspieleOffenbachs "Orphée" wird fast zur Sternstunde

Nur zum Fasttriumph wird das Salzburg- Debüt von Komponist Jacques Offenbach, weil Regisseur Barrie Kosky es zu ernst meint mit dem Spaß.

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Orphée aux enfers (Orpheus in der Unterwelt)
Die Salbzurger Operettenaufführung wird am 17. August auf ORF 2 übertragen © ORF
 

Unglaublich, dass es 99 Jahre gedauert hat, bis man Jacques Offenbachs Genie auch an der Salzach erkannt hat. Erstmals hält mit "Orphée aux enfers" eine seiner Operetten im Festspielbezirk Einzug und es wird fast eine Sternstunde: weil Regisseur Barrie Kosky vermutlich ein heimlicher Nachfahre des Komponisten ist. Der Australier, dessen schrille Inszenierungen in halb Europa bestaunt und skeptisch beäugt werden (auch er ist ein Festspieldebütant), hat eine Affinität zu Offenbachs frivoler Welt. „Orphée“ ist eine Turbokomödie, eine antibürgerliche, respektlose Enthüllung der allgemeinen Scheinheiligkeit mit einem feministischen Zug, über den wohl keine Oper dieser Epoche verfügt. Schließlich befreit sich Eurydike nicht nur von den Ehefesseln und damit ihrem eitlen Versager-Gatten Orpheus, sondern auch die Avancen der sehr menschlichen Götter werden ihr schnell fad. Sie wählt ihr Schicksal selbst.

Kosky inszeniert die Grundzüge des Stücks präzise, stürzt sich lustvoll auf die Frivolitäten, die er bis zum Obszönen aufbläst.  Geschlechtergrenzen sind ebenso aufgehoben wie moralische Bedenken. Es flattert, summt und rauscht im morschen Gebälk der Bürgerlichkeit, einer Fassade, die hier ohnehin nur aus einem Fetzen Stoff besteht (großartig die Bühne von Rufus Didwiszus). Spaßverderberin wie immer: „Die öffentliche Meinung“. Anne Sofie von Otter verleiht der als schwedische Gouvernante daherkommenden allegorischen Figur Profil und ihren reifen, aber immer noch bewundernswert schönen Mezzo – das gefiel gewiss auch dem schwedischen Königspaar, das im Parkett saß.
Die brillante Idee, Max Hopp als Kammerdiener John Styx sämtliche Sprechtexte übernehmen zu lassen, und die funkensprühende Rasanz ergäben eine prickelnde Angelegenheit, wenn nicht der zweite Teil wäre, in dem sich der Abend allmählich müdekalauert und er trotz Daueraktion erlahmt. Kosky nimmt den Spaß zu ernst und verzichtet auf für Abwechslung sorgende Zwischentöne.

Die Wiener Philharmoniker sind dank ihrer Neujahrskonzert-Erfahrungen, ihrer Klangkultur und Virtuosität das absolut ideale Offenbach-Orchester. Unter dem Dirigenten Enrique Mazzola kostet man weidlich die Delikatesse der Musik aus, die immer zehn Zentimeter über dem Boden schweben muss. Leider erlaubt man sich ab und an doch Bodenkontakt und es rumpelt eine Nuance zu derb und zu ruppig – etwa im berühmten Cancan.

Bei so viel Action und der fantasievollen Ausstattung werden Sängerleistungen fast zur Nebensache. „Rampensau“ Martin Winkler (Jupiter) singt recht grob, während Tenor Marcel Beekman (Pluton) den vokalen Lorbeer des Abends davonträgt. Schön, aber etwas klein die Stimme von der umwerfend spielenden Kathryn Lewek (Eurydice), apart der Tenor von Joel Prieto in der Titelpartie.Am meisten Jubel erntet Max Hopp als Faktotum John Styx: Er trägt den Abend, ist gleichsam der Puppenspieler, der dieses Ensemble aus Heuchlern, Parvenus, Langweilern und Liebestollen dirigiert. Dass hinter den Zerrbildern echte Menschen stecken, auch das hört man in Offenbachs Musik, zu sehen bekommt man es hier nicht.

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