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Kritik zu 'Die Stühle' in WienClaus Peymanns Abschied vom Burgtheater

Eugène Ionescos „Die Stühle“ im Akademietheater Wien. Mit reichlich viel Situationskomik wird überspielt, wie weit die absurde Welt das Theater überholte.

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Kongeniales Duo, das Stühle zum Leben erweckt: Maria Happel und Michael Maertens © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Turbulenzen gehören zu den Probenarbeiten am Theater wie der passende Text zum entsprechenden Stück. Aber die Verkettung von ernsten Zwischenfällen, die zu einer erheblichen Verzögerung der Premiere von Eugène Ionescos „Die Stühle“ führten, ist in der jüngeren Geschichte des Burgtheaters wohl einzigartig. Zuerst zog sich Hauptdarsteller Michael Maertens eine Lungenentzündung zu, dann fiel seine Partnerin Maria Happel nach einem komplizierten Beinbruch geraume Zeit aus.

Und vor rund drei Wochen musste Regisseur Claus Peymann aussteigen. Eine schwere Viruserkrankung macht dem Langzeit-Burgchef, der mit dem Ionesco-Stück Abschied vom Haus am Ring nehmen wollte, noch immer zu schaffen.

Sein Freund Leander Haußmann übernahm die Endproben. Da passt es nur ins Bild, dass sich bei der endgültigen Premiere der Vorhang aus der Verankerung löste und technische Probleme verursachte. Nun aber ist einer der wichtigsten Klassiker des absurden Theaters, gleichrangig mit Becketts „Warten auf Godot“, bühnenreif. Ohne große Überraschungen. Als Skandalstück hat der Einakter längst ausgedient. Als Parabel über Einsamkeit ist er zeitlos gültig.

Anders als Beckett, der dem Publikum stets eine unsichtbare Schlinge um den Hals zog, ließ Ionesco aber auch dem Galgenhumor und der Situationskomik einigen Freiraum. Den nützen Maria Happel und Michael Maertens reichlich, treffsicher, trotzdem wohldosiert, stets mit ein wenig Melancholie versehen.

Das kongeniale Duo spielt das seit 75 Jahren völlig abgeschottet auf einer Insel lebende Paar Poppet und Semiramis, das, unzertrennlich, Zeittotschlag betreibt. Durch hundertfach erzählte Geschichten und Anekdoten, stets mit neuem, kindlichem Erstaunen honoriert. Aber, wieder einmal, steht ein großer Abend bevor. Eine große Gästeschar hat sich angeblich angekündigt, reihenweise werden Stühle aufgestellt. Alle bleiben leer, werden aber durch skurrile Gespräche und pantomimische Einlagen zum Leben erweckt. Bis sich, inmitten von viel Trockeneisnebel, sogar Ihre Majestät ein Stelldichein gibt.

Die Doppelinszenierung macht es schwer zu bewerten, wer denn für welche Einfälle verantwortlich zeichnet. Leonard Cohens „Show Me the Place“ fügt sich jedenfalls gut ein in einen Abend, der belegt, dass die Realität Ionescos Albtraum längst überholt hat.

Da wie dort sind Clowns am Wort, an Endzeit-Szenarien besteht fernab vom Theater kein Mangel. Mavie Hörbiger schreibt in der Rolle des Redners, der nur Wortgerümpel von sich gibt, am Schluss mit Kreide das Wort „Adieu“ auf einige Stuhlflächen. Es steht am Ende eines rund hundertminütigen, trügerischen Spuks, grotesk, skurril, grandios gespielt. Eine wohltuende Alternative zu all den Kreidefressern, die draußen warten.

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