NachtkritikGelungene Uraufführung: Fiston Mwanza Mujilas "Tram 83"

Mit "Tram 83" legt Regisseur Dominic Friedel am Grazer Schauspielhaus eine so herausfordernde wie überzeugende Dramatsierung des Romans von Fiston Mwanza Mujila vor.

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Sprachmächtig: Fiston Mwanza Mujilas "Tram 83" im Grazer Schauspielhaus 2 © Schauspielhaus/Lupi Spuma
 

Ein Roman, der von Kriegsgewinnlern, Ausbeutern, Zuhältern, Prostituierten, Waffenschiebern, Söldnern, Juwelenschürfern, Kolonialisten im berüchtigsten Nachtclub einer Großstadt erzählt, in machtvoll rauschhafter Sprache: Kann man das in einen Theaterabend übersetzen? Dominic Friedel hat das Wagnis unternommen, Fiston Mwanza Mujilas vielfach preisgekrönten Roman "Tram 83" auf die Bühne zu bringen. Dass die Uraufführung im Graz stattfand, dem Lebensmittelpunkt des Autors, scheint da sinnvoll, ebenso die Entscheidung, die Inszenierung in den steirischen herbst 2018 einzugemeinden. Immerhin lautet dessen Motto heuer "Volksfronten", und in "Tram 83" geht es um nichts Geringeres als den Überlebenskampf in quasi apokalyptischen Zeiten.

Friedel hat dabei die kluge Entscheidung getroffen, Handlung nur anzudeuten: es geht um den Konflikt zwischen Requiem und Lucien, zwei Brüder oder Freunde, so genau weiß man das nicht, und die gegensätzlichen Lebensprinzipien, denen sie folgen: Requiem sorgt als gewissenloser Gewalttäter für sein Überleben, Lucien biegt sich die Literatur als Vehikel in eine bessere Welt zurecht. Das "Tram 83", möglicherweise in der Demokratischen Republik Kongo gelegen, aber ein Ort, der in vielen Großstädten dieser Welt möglich wäre, ist nicht nur für die beiden Haltestelle und Wohnsitz, sondern für Legionen von Verbrechern, Sonderlingen, Außenseitern, denen der Roman seine Aufmerksamkeit widmet.

Eine Handvoll davon hat Friedel für die Bühne ausgesucht. Weil laut Text im "Tram 83" alles möglich ist, spielen Maximiliane Haß, Sarah Sophia Mayer und Tamara Semzov die Männerrollen, Pascal Goffin stellt mehrere Frauenfiguren dar. Dabei geht es Friedel auf der grell ausgeleuchteten kleinen Bühne des Hauses wohl vor allem darum, die sprachliche Energie der Textvorlage auszustellen. Fast musikalisch lässt der Regisseur infolgedessen Sätze und Stimmen ineinander greifen, in präziser Choreografie bildet sich eine entgleiste Gesellschaft ab, möglicherweise auch eine Revolution. Das Textdauerfeuer dieser streckenweise zur außerordentlichen Sprechperformance verdichteten  Inszenierung ist, zugegeben, anstrengend, aber als Versuch, einen Roman zu illustrieren, ist es auch weit aufregender und fantasievoller als konventionellere Formen szenischer Bebilderung. Und eine darstellerische Bewährungsprobe, die die vier Schauspieler von  "Tram 83" glanzvoll bestehen.

Nächste Termine: 27. September, 2. und 15. Oktober, Graz, Schauspielhaus 2. www.schauspielhaus-graz.com

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