InterviewOpern-Jungstar Fahima: "Musik lernen ist wie frühstücken"

Sie ist einer der Shootingstars im Ensemble der Wiener Staatsoper: Die 30-jährige Israelin Hila Fahima ist seit der Saison 2013/14 am Haus engagiert und hat hier mit Rollen wie der Gilda in der "Rigoletto"-Neuinszenierung 2015 auf sich aufmerksam gemacht. In der Händel-Oper "Ariodante", die am Samstag in der Inszenierung von David McVicar Premiere feiert, singt Fahima nun die Rolle der Dalinda.

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Vor der Premiere sprach die Koloratursopranistin, die in der kleinen, erst 1964 gegründeten Stadt Karmi'el in Galiläa aufwuchs und 2013 auf einem Kreuzfahrtschiff die "Stella Maris Competition" gewann, über die Erarbeitung einer Rolle, die laufende MeToo-Debatte im Klassikbereich und wie gut sie heutzutage noch an der Schusswaffe ist.

Sie sind seit 2013 im Ensemble der Staatsoper. Fühlen Sie sich schon als Wienerin?

Hila Fahima: Ein bisschen. Die Wiener Staatsoper ist meine Familie. Die Oper ist eine der besten der Welt, und in Wien fühlt man jeden Tag die Historie. Das kann nicht jede Stadt bieten!

Ihren zweijährigen Wehrdienst haben Sie aber noch in Israel absolviert, bevor Sie nach Europa kamen?

Fahima: Jungen Talenten geben sie beim israelischen Militär die Möglichkeit, das auch weiterhin zu pflegen. Ich habe meinen Wehrdienst also damit abgeleistet, dass ich für Familien im Bunker oder bei offiziellen Anlässen gesungen habe. Und nebenher habe ich auch an der Akademie studiert und nur für einen Monat ein Grundtraining absolviert.

Das bedeutet, Sie können schießen?

Fahima: Ich würde ehrlich gesagt niemandem empfehlen, mir eine Waffe in die Hand zu geben (lacht). Ich habe das alles vergessen.

Eine andere Form von Stress ist es ja vermutlich jetzt als Ensemblemitglied, wenn sie stets drei Rollen gleichzeitig lernen müssen...

Fahima: Am Anfang konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie das möglich ist, Mozart und Strauss oder Wagner gleichzeitig einzustudieren. Aber es ist ein sehr gutes Training - nach der Zeit hier, kannst Du wahrscheinlich alles machen.

"Ariodante" von Georg Friedrich Händel in der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Dirigent am Pult der Les Arts Florissants: William Christie, Regie: David McVicar, Ausstattung: Vicki Mortimer, Licht: Paule Constable. Mit Sarah Connolly - Ariodante, Chen Reiss - Ginevra, Hila Fahima - Dalinda, Christophe Dumaux - Polinesso, Rainer Trost - Lurcanio, Wilhelm Schwinghammer - Il Re di Scozia, Benedikt Kobel - Odoardo. Premiere am 24. Februar. Weitere Aufführungen am 26. Februar sowie am 1., 4. und 8. März. Karten: Tel. (01) 513 1 513. www.wiener-staatsoper.at

Wie oft werden sie untertags angerufen, weil sie am Abend einspringen müssen?

Fahima: Das kommt vor - und zwar öfters als ich gedacht hatte. Das Verrückteste für mich war mein Einsatz als Zerbinetta in der "Ariadne auf Naxos", ohne eine Probe auf der Bühne gehabt zu haben. Aber das Publikum hat natürlich den Anspruch darauf, dass wir wirken, als hätten wir daran drei Wochen geprobt.

Wie bereiten Sie sich auf eine neue Rolle vor? Hören Sie Aufnahmen von Kolleginnen an?

Fahima: Es ist gut, wenn man sich zu Beginn alte Aufnahmen anhört. Das ist wie beim Essen, wenn man etwas probieren muss um zu wissen, was einem schmeckt. Wenn ich dann selbst schon weit in der Vorbereitung meiner Rolle bin, kann ich das nicht mehr gebrauchen. Deshalb würde ich derzeit keine Kollegin mehr hören wollen, weil ich als Dalinda nun schon meinen eigenen Charakter geformt habe.

Wie wichtig ist Ihnen der psychologische Aspekt, wenn Sie sich eine Rolle erarbeiten?

Fahima: Der ist bisweilen wichtiger als die Musik. Die Art, wie ich eine Rolle singe, nachdem ich einen Charakter durchdrungen habe, ist anders. Die Musik lernen ist für mich wie frühstücken. Das ist einfach. Aber am Charakter zu arbeiten, das dauert. Deshalb versuche ich seit drei Monaten sechs Stunden täglich als Dalinda zu denken. Da muss man am Wochenende auch mal versuchen, wirklich was anderes zu machen. Das ist sonst zu anstrengend.

Was für eine Frau ist Dalinda für Sie?

Fahima: Sie ist zu Beginn ein Opfer. Sie ist dem Bösewicht Polinesso praktisch sexuell hörig und kann vor Leidenschaft nicht sehen, wie böse er ist. Sie checkt lange nicht, was vor sich geht. Das geschieht erst sehr spät, als die Maske fällt.

Die Frage von Frauen als Opfer im Opernbetrieb wird unter dem MeToo-Hashtag in den USA oder etwa Schweden recht prominent diskutiert. Haben Sie Hoffnung, dass die Debatte wirklich etwas ändert?

Fahima: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dinge wirklich verschwinden werden. Das ist auch keine Generationenfrage. Der einzige Unterschied ist, dass Frauen jetzt mächtiger sind als vor 40 Jahren. Deshalb unterbleiben solche Dinge aber nicht - ich würde es mir wünschen, aber ich glaube, das wäre naiv. Leider Gottes passiert das ständig, auch wenn nicht jede darüber redet. Als Frau weiß ich, wie sich das anfühlt.

Sie haben in Ihrem Berufsleben Erfahrungen mit Missbrauch gemacht?

Fahima: Jede Frau hat auf die eine oder andere Art solche Erfahrungen. Ich verurteile niemanden, der jetzt an die Öffentlichkeit geht, sondern habe da Respekt und halte das für notwendig. So etwas Extremes habe ich allerdings selbst nicht erlebt.

Ihr Vertrag in Wien läuft derzeit noch bis 2020. Planen Sie schon die weitere Zukunft?

Fahima: Ich bin mir sicher, dass ich in Wien bleiben möchte. Seit ich hier bin, sind mir viele gute Dinge passiert.

 

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