Diagonale-KritikHerzerwärmende Doku "Refugee Lullaby": Ein Schäfer für alle

Ronit Kertsner porträtiert in ihrem Dokumentarfilm "Refugee Lullaby" den jüdischen Wanderschäfer Hans Breuer. Ein herzzerreißendes Pläydoyer für das Miteinander.

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Filmstill Doku Refugee Lullaby
Hans Breuer opfert sich in seinem Leben für andere auf © Diagonale/Wildart
 

Es wuselt in seiner Herde. Schafsohren wackeln und Hintern hüpfen eine Wiese hinunter. Nur ein kleines schwarzes Lamm auf zittrigen Beinen bewegt sich nicht. Es ist frisch geboren und Hans Breuer lernt ihm mit seinen Lauten und mithilfe seines Hundes, der auf den Namen Fuchs hört, der vor sich hin blökenden Herde zu folgen.

Schon mit einer der ersten Szenen hat die israelische Filmemacherin Ronit Kertsner ihr Publikum bei der Uraufführung bei der Diagonale gefangen - um 10.30 Uhr morgens in einem abgedunkelten Kinosaal wohlgemerkt. Und dabei ist das nur einer von vielen Momenten, in dem sich der Protagonist dieses Filmes für andere einsetzt. Der letzte Wanderschäfer Österreichs lebt mit seiner Partnerin und zwei kleinen Kindern und seiner Schafherde ein bescheidenes Aussteigerleben - ohne Fließwasser, ohne Luxus, ohne Karriereabsichten in einem abgestellten Zirkuswagen.

Als ob das nicht schon exotisch genug wäre - Breuer ist Jude, stammt aus einer kommunistischen Familie, beherrscht Jiddisch und hält es in Liedern und mit seinem Trio WanDeRer hoch und seit 2015 ist er ein engagierter Fluchthelfer - und ein Anker für verlorene und gestrandete Seelen.

Filmstill Doku Refugee Lullaby
Er lebt ein bescheidenes Leben: der letzte Wanderschäfer Österreichs Foto © Diagonale/Wildart

Einer, der sich aufopfert

Mit seinem Auto fährt er an die Grenzen, hilft mit, Kindern einige Kilometer Fußweg zu ersparen oder tröstet schreiende Babys mit seinem Gesang. Mit anderen gemeinsam verteilt er Essen und heißen Tee und organisiert den Ankommenden oder Durchreisenden ein herzliches Willkommen. Ein Film, der einem das Herz wärmt.

"Es geht mir nicht um Wohltätigkeit, es geht um Solidarität", sagt Hans Breuer im Film. Und mit dieser Haltung zum Verbeugen ist er nicht alleine. In diesen Wochen des Jahres 2015, als viele Flüchtlinge Österreich enterten oder via Zug durchfuhren, war Menschlichkeit hoch angesehen in diesem Land. Und Solidarität auch - von diesem menschlichen Herdentrieb erzählt die Filmemacherin, indem sie nah am Protagonisten bleibt und dabei Musik als grenzenüberwindendes Mittel einsetzt.


"Ich wollte keinen weiteren Film über Flüchtende machen, sondern
einen Film über die Menschen, die ihnen helfen und was sie bewegt",
erklärte Kertsner nach der Leinwand-Premiere, die von Musik und jiddischen Liedern umrahmt war. Tipp: Mittwochabend spielt das Trio WanDeRer in der Grazer Miles Jazzbar auf.

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