Diagonale-Eröffnungsfilm"Der Boden unter den Füßen": Ein wahnhafter Optimierungstrip

Marie Kreutzers in Berlin uraufgeführtes Drama seziert Optimierungswahn, Effizienzdenken und Seelenlosigkeit in der Leistungsgesellschaft. Valerie Pachner brilliert als Unternehmensberaterin an der Kippe zum Kontrollverlust. Eine schonungslose Eröffnung der Diagonale in Graz.

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Valerie Pachner, Pia Hierzegger
Feinnerviges, eindringliches Spiel zweier ungleicher Film-Schwestern: Valerie Pachner, Pia Hierzegger © Filmladen
 

Lola (Valerie Pachner) ist die personifizierte Effizienz, sie hat den Optimierungszwang als Unternehmensberaterin an sich selbst veredelt und pendelt zwischen gesichtslosen Hotelzimmern, austauschbaren Club-Sandwiches, grauen Hosenanzügen und einer unausgepackten, verwaisten Wohnung. Die Endzwanzigerin hat scheinbar alles unter Kontrolle – beim Personalabbau genauso wie beim Fitnesstraining oder bei der Affäre mit ihrer Vorgesetzten (Mavie Hörbiger). Und sie ist auf dem Weg zum nächsten Karrieresprung Richtung Sydney.

Bis ein Anruf ihr den titelgebenden Boden unter den Füßen wegzureißen droht: ihre schizophrene Schwester Conny (Pia Hierzegger) liegt vollgepumpt mit Medikamenten im Wiener Otto-Wagner-Spital. Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Und fordert Aufmerksamkeit und Zeit und Anwesenheit ihrer erfolgreichen Schwester ein.

Die in Graz geborene und in Wien lebende Filmemacherin Marie Kreutzer ("Die Vaterlosen", "Gruber geht", "Was hat uns bloß so ruiniert?") beleuchtet im bei der Berlinale uraufgeführten Drama „Der Boden unter den Füßen“ die entsolidarisierte Welt der Leistungsgesellschaft und erzählt von Optimierungswahn, der Rastlosigkeit und Selbstausbeutung im beruflichen Hamsterrad und von einer Branche, in der 48-Stunden-Schichten ohne Schlaf Alltag sind.

Berlinale Premiere Mavie Hörbiger, Pia Hierzegger, Marie Kreutzer und Valerie Pachner
Bie der Uraufführung in Berlin (von links): Mavie Hörbiger, Pia Hierzegger, Marie Kreutzer und Valerie Pachner Foto © APA/AFP/ODD ANDERSEN

Der kalten, neokapitalistischen Zahlenwelt stellt sie die sehnsuchtsvolle Wärme einer dysfunktionalen Familie und der Beziehung zweier Schwestern gegenüber. Vielschichtig wird das Unbehagen und die Verrücktheiten in den beiden Branchen (Psychiatrie sowie Business-Welt) seziert. Pillen zum Beispiel werden hie wie da geschluckt.

Die durchökonomisierte Welt der Unternehmensberatung scheint ein gefundenes Fressen fürs Filmemachen zu sein - das wissen wir spätestens seit Maren Ades grandioser Abrechnung "Toni Erdmann". Kreutzers Blick auf die neokapitalistischen Abgründe und Auswüchse ist weniger humorgespickt, nüchtern und mit einigen Anleihen aus dem Horror-Genre stürzt sie ihre Karriere-Protagonistin ins Chaos.

Viele Fragen

Wer ist krank? Wer ist jetzt vom Leben ausgesourct? Wer leidet an Kontrollverlust? Kreutzer wirft in ihrem düster und konsequent erzählten Sittengemälde (zu) viele Fragen wie diese auf und antwortet mit vielen, mitunter auch moralischen, Zwischentönen. Die Antwortsuche in Valerie Pachners feinnervigem Spiel macht jede Minute des schweren Dramas empfehlenswert.

Ab Freitag im Kino.

 

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