Saisoneröffnung an Anna Badoras Wiener Volkstheater – mit einer Dramatisierung des knapp 700-seitigen Gesellschaftsromans „Das Narrenschiff“ der US-Amerikanerin Katherine Anne Porter (1890– 1980), hierzulande hauptsächlich durch Stanley Kramers Verfilmung mit OskarWerner in der Rolle des Schiffsarztes bekannt.

Dusan David Parízek, der vor zwei Jahren mit der fulminanten Uraufführung von Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ am Akademietheater für internationale Furore sorgte, schritt nun mehrfach zur Tat: Er dramatisierte den Roman, übernahm die Regie und baute ein grandioses Bühnenbild, das Prunkstück der Produktion.

In den Zuschauerraum ragt eine Rampe, sowohl Schiffsdeck als auch Tanzsaal, rechts und links davon fungieren Garderobentische als Schiffskabine. Von hier aus startet das zwölfköpfige Ensemble seine Auftritte, begleitet mit Blicken das Geschehen und sorgt für rhythmische Begleitmusik.

Rabauke lässt die Sau raus

Porters 1962 erschienener Roman spielt 1931 während einer Schiffspassage von Mexiko nach Europa und breitet in vielen Episoden ein Gesellschaftspanorama vor der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland aus. Mit einer Unzahl an Figuren – und deren diversen Ressentiments. Die zentrale Rolle in Parízeks Bearbeitung übernimmt der deutsche Verleger und NS-Politaktivist Siegfried Rieber (Rainer Galke). Kaschiert bei Porter dieser antisemitische Ungustl sein Rabaukentum mit Äußerungen wie „Ich bin absolut kein Antisemit. Ich habe die Araber sehr gerne, ich habe einmal unter ihnen gelebt“, lässt er hier nur die Sau raus. Diese Simplifizierung in der Typenzeichnung zieht sich durch. Während bei Porter der jüdische Fabrikant Löwenthal (Lukas Holzhausen) trotz allem auf seinem deutschen Patriotismus besteht, schwyzerdütschelt hier Holzhausen bis zur Unverständlichkeit.

Berührend: Stefanie Reinsperger als Condesa, Michael Abendroth als Dr. Schumann
Berührend: Stefanie Reinsperger als Condesa, Michael Abendroth als Dr. Schumann © WWW.LUPISPUMA.COM / VOLKSTHEATER

Parízek versucht Porters historisch überholten Stoff mit „Refugee“- Geschrei in die Gegenwart zu holen und setzt dabei strafverschärfend auf peinliches Mitspiel- und Mitsingtheater, das bei der Premiere kräftig in die Hose ging. Ach ja, Stefanie Reinsperger spielt, wie Simone Signoret im Film, die Rolle der drogenkranken spanischen Adeligen La Condesa. Sie kann auch das Telefonbuch vorlesen und ist sicher gut dabei. Die über dreistündige Premiere wurde vom Großteil des Publikums heftig akklamiert, ein Teil verweigerte demonstrativ den Applaus.