"Die Mutter von Nicolien"Wenn der Geist allmählich aufgibt

Dem niederländischen Autor J. J. Voskuil gelingt ein Blick auf die Demenz, der in seiner Nüchternheit und Zartheit berührt.

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J. J. Voskuil (1926 bis 2008) © Verlag Wagenbach
 

Die Beschreibung von Demenz ist mittlerweile geradezu zu einem literarischen Subgenre angewachsen. Ein frühes Beispiel für einen solchen Text ist der Roman „Die Mutter von Nicolien“ von J. J. Voskuil, der im niederländischen Original bereits 1999 erschienen ist und erst jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Der 2008 verstorbene Voskuil ist wegen seines siebenteiligen Romanzyklus „Das Büro“ in seiner Heimat ein Kultautor. Dort hat er sich einem modernen Büroalltag mit dem Blick eines Volkskundlers genähert (erschienen auf Deutsch beim Verbrecher-Verlag und bei C. H. Beck).

Der Roman über die geistig langsam verdämmernde Schwiegermutter basiert offenbar auf eigenen Lebenserfahrungen. Über mehrere Jahrzehnte begleitet der Autor den allmählichen geistigen Verfall entlang zahlreicher Treffen zwischen der Mutter, ihrer Tochter und deren Ehemann, aus dessen Perspektive das Buch erzählt ist. Es handelt sich dabei um Maarten Koning, der Hauptfigur aus dem „Büro“-Zyklus. Der dialoglastige Text gleicht einem langen Theaterstück mit einer Abfolge sich ständig wiederholender Szenen. Es werden Eierlikör und Schnäpschen getrunken, gemeinsam gekocht und über die Verwandten gesprochen, die gemeinsame Tasse Kaffee ist gewissermaßen sozialer Kitt und Ritual, was diese drei Personen durch ihr Leben hindurch aneinander bindet.

Nur langsam schleichen sich im Lauf der Jahre die Lücken und Brüche in diese Szenen, mischen sich erste Anzeichen für eine Erkrankung, die plötzlich dramatisch ihren Platz zwischen den drei Menschen beansprucht. Voskuils Kunst liegt darin, die Brüche, die diesen Familienalltag durchziehen, ganz sachlich, aber nicht distanziert zu beschreiben, und er gewinnt dem Thema leise humoristische Facetten ab. Es ist freilich der Humor einer stillen Verzweiflung, die sich angesichts der Unausweichlichkeit der Entwicklung einstellt.

In seiner dokumentarischen Schlichtheit und der kunstvollen Montage der Dialoge ist Voskuils Buch ein sich bescheiden gebender, aber ergreifender Beitrag zum Thema Krankheit und auch ein Eheroman über ein Paar, das sich mit Geduld und Liebe seinen Aufgaben stellt.

J. J. Voskuil. Die Mutter von Nicolien. Wagenbach, 256 Seiten, 23,90 Euro.

Wagenbach
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