Buch der Woche: Ali SmithEin Wunderwerk der Erzählkraft

Ali Smith setzt ihre wunderbare Jahreszeiten-Tetralogie fort. In "Frühling" geht es um die Last des Alten und die Kraft des Neuen.

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Aufbruch in den "Frühling" mit Ali Smith
© (c) imago/Pacific Press Agency (Matteo Nardone)
 

Also Tatsachen, die können wir nicht gebrauchen.“ Mit diesem heimtückischen Satz beginnt „Frühling“, dritter Teil der Jahreszeiten-Tetralogie von Ali Smith, jenem faszinierenden Wunderwerk der Erzählkraft, mit dem die Britin gleichsam eine fünfte Jahreszeit geschaffen hat. Man könnte sie „Immerling“ nennen, denn diese Bücher werden bleiben, wenn wir schon lange nicht mehr sind. Und, also, das ist eine Tatsache.

Den „Herbst“ und den „Winter“ ließ Smith bereits durchs Land ziehen, jetzt, im „Frühling“, muss noch Abschied genommen werden, bevor das Neue durchbrechen kann. Ein Filmregisseur, tobend und taumelnd vor Trauer, begleitet seinen Lebensmenschen in den Tod. Er trifft auf eine junge Frau, die in einem Migrationszentrum arbeitet, später ein geheimnisvolles Mädchen, das scheinbar durch Türen gehen kann.

Zur Person

Ali Smith, geboren am 24. August 1962 in Inverness, Schottland. Für ihre Jahreszeiten-Tetralogie wurde sie vielfach ausgezeichnet. Drei Bände sind bereits auf Deutsch erschienen, „Sommer“ bildet den Abschluss.

Wie so oft vermischen sich bei Smith die Welten, ohne ins Geisterhafte abzugleiten. Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke tauchen gleichzeitig in der Schweiz auf, gehen aneinander vorbei, verschwinden wieder. Smith gibt uns Fäden in die Hand, Ahnungen, Vorschläge, aber keine Lösungen. Sie erzählt von „Zufällen, die wie Stromstöße durch die Wahrheiten unseres Lebens jagen“.

Alles ist im Fluss

Sowohl Form als auch Inhalt dieser unvergleichlichen Jahreszeitenbücher sind un- und außergewöhnlich. Der Erzählstil von Smith wechselt zwischen eruptiv und meditativ, zwischen impressionistischen Satztupfern und expressionistischen Wortkaskaden. Alles ist im Fluss, alles in Bewegung, auch die Geschichten selbst.

Ebenso unberechenbar und nicht einordenbar der Inhalt, ein wilder Bastard aus Poesie und Politik, aus Wunder und Wut. Für die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit der Menschen hat Smith viel Verständnis, für deren Ignoranz und Starrsinn keines. Und sie verhehlt auch ihren Zorn nicht auf ein unmenschliches System und eine Welt, die immer hermetischer wird und von inneren und äußeren Mauern umgeben ist.

Der Filmregisseur spricht mit einer „imaginären Tochter“, weil ihm die realen Menschen abhandengekommen sind. Im „Frühling“ wirft er die Last des Alten ab, um Kraft für das Neue zu haben. Ob das reicht für einen Aufbruch? Alles bleibt in wunderbarer Schwebe bei Ali Smith. Aber die Hoffnung lebt. Wenn wir ihr die Luft zum Atmen geben.

Buchtipp: Ali Smith. Frühling. Luchterhand, 320 Euro, 22,90 Euro.

KK
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