Literarische ReisereportageVom Eintauchen in die Geschichte

Meisterhaft verwebt „Am See“ von Kapka Kassabova die Topographie des Balkans mit der Biographie einer Familie.

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Auf autobiographischer Spurensuche: Kapka Kassabova
Auf autobiographischer Spurensuche: Kapka Kassabova © KK
 

Es ist ein fast vergessener Winkel Europas, in den die Autorin Kapka Kassabova die Leser bei ihrer autobiographischen Spurensuche mitnimmt: Am Südbalkan, in der Grenzregion zwischen Albanien, Nordmazedonien und Griechenland, liegen der Ohridsee und der Prespasee, aus der Vogelperspektive „wie zwei Augen in einem uralten Gesicht“. Sie sind Millionen Jahre alt und im Laufe der Geschichte immer wieder Schauplatz von Kriegen und Vertreibungen gewesen. In fünf Sprachen sind die Graffitis in einem Kloster am Ohridsee eingekratzt: Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch, Griechisch, Albanisch.

Bei ihrer Reise in die Vergangenheit spürt die Autorin, die in Bulgarien geboren, in Neuseeland aufgewachsen und in Schottland zu Hause ist, ihren Vorfahren ebenso nach wie der bewegten Geschichte der Region. Wie sie das tut, ist voll poetischen Raffinements und detailliert recherchierter Sachkenntnis: „Ohrid ließ einen das Gewicht der Welt spüren, selbst an einem friedlichen Abend wie diesem, wo nur die Zikaden schrillten und alte Frauen in Pantoffeln herumschlurften.“

Die Kraft des Wassers

Die Menschen haben ihrer Umgebung bezeichnende Namen gegeben: Dorf der Erbärmlichen, Jammertal, Dorf der Auswanderer, Trockener Berg. Die ursprüngliche Vielfalt dieses Kulturraumes, das Nebeneinander von Sprachen und Religionen ist längst neuen Nationalstaaten zum Opfer gefallen.

Bei ihrer Ahnenforschung deckt Kassabova wie nebenbei die Verletzungen und Traumata in der eigenen Familie auf. Es sind die Begegnungen mit Verwandten und Zufallsbekanntschaften, die kleinen Erlebnisse vor dem Wissen um die Weltgeschichte, die dieses (von Brigitte Hilzensauer aus dem Englischen übersetzt) Buch einer Reise so lesenswert machen. Stets im Mittelpunkt dabei: der See und die Kraft des Wassers. „Jedes Mal, wenn ich ins Wasser ging, fühlte ich mich sofort glücklich. Gefühle und Erinnerungen lösten sich auf, nur der gegenwärtige Moment verblieb. Und das war genug.“

Auch im Vorgängerbuch „Die letzte Grenze“ widmete sich Kassabova einem blinden Fleck auf der Landkarte: Thrakien, der Region zwischen Griechenland, der Türkei und Bulgarien. Man folgt ihr gerne überallhin.

Buchtipp: Kapka Kassabova. Am See. Reise zu meinen Vorfahren in Krieg und Frieden. Zsolnay, 416 Seiten, 26,80 Euro.

KK
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