Buch der WocheJames Baldwins Meisterwerk voll Wut und Zärtlichkeit

Mit seinem Roman „Giovannis Zimmer“, jetzt in Neuübersetzung, hat US-Autor James Baldwin in den 1950er-Jahren einen Tabubruch auf mehreren Ebenen begangen.

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Der US-Autor James Baldwin
Der US-Autor James Baldwin © DTV Verlag
 

"Ich stehe am Fenster dieses prächtigen Hauses in Südfrankreich, als die Nacht anbricht, die Nacht, die mich zum schrecklichsten Morgen meines Lebens führen wird.“

Mit diesem Satz, der nicht nur Unheil verspricht, sondern auch tatsächlich bringen wird, beginnt James Baldwins zweiter Roman „Giovannis Zimmer“, der jetzt im Zuge einer Wiederveröffentlichungsserie ebenfalls in einer trefflichen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow vorliegt. Und obwohl Baldwin zu den Ikonen der US-Literatur gehört und seine Bücher längst Kulturgut sind, fristete dieser sprachgewaltige und einflussreiche Autor in Europa stets ein eigenartiges Nischendasein. Das mag auch daran liegen, dass Baldwin gerne und natürlich viel zu eng als Autor schubladisiert wird, dessen Themen in erster Linie um Rassismus und Sexualität kreisen.

Der Roman "Beale Street Blues" wurde auch verfilmt:

Doch „Themen“ haben Baldwin nie interessiert, wie auch die deutsch-russische Autorin Sasha Marianna Salzmann in ihrem brillant-aufschlussreichen Nachwort zu diesem Buch konstatiert. „Sondern immer nur Menschen als Wesen, die fähig sind, Scham und Entsetzen über ihr eigenes Tun zu empfinden.“

„Giovannis Zimmer“, erschienen 1956, ist auf mehreren Ebenen ein Tabubruch, handelt der Roman doch von der Liebe zwischen zwei Männern – zwischen zwei weißen Männern. Baldwins Protagonist David ist ein „sexuell verklemmter Sünder, der erbittert um das Trugbild seiner Reinheit kämpft“ (Salzmann). Sein Liebhaber Giovanni hingegen hat keine Angst vor dem „Gestank der Liebe“, die Last der Scham ist ihm fremd, die Lust am Leben mit all seinen Unschärfen und Untiefen eine frivole Freude. Um das Trug- und Zerrbild der eigenen Unschuld aufrechtzuerhalten, begeht David einen tödlichen Verrat. Derjenige, der die Reinheit sucht, macht sich die Hände am schmutzigsten.

Zum Autor

James Baldwin, geboren am 2. August 1924 in Harlem, New York City, gestorben am 1. Dezember 1987 in Saint-Paul-de-Vence, Frankreich. Viele
seiner Bücher behandeln die Themen Rassismus und Sexualität.
Werke (Auswahl): „Beale Street Blues“, „Nach der Flut das Feuer“, „Go Tell It on the Mountain“.

Das ist – jenseits der sexuellen oder individualmoralischen Dimension – Baldwins Metaebene und auch seine Botschaft, wenn man so will: Es geht ihm nicht (nur) um Schuld und Unschuld des Einzelnen, sondern um die „American Innocence“ im Allgemeinen, um jenes wacklige Konstrukt des US-Wertesystems also, das auch heute noch, 64 Jahre nach Erscheinen des Buches, auf tönernen Füßen steht.

Um die Publikation dieses großen Romans, der stilistisch durch seine glühende Schönheit und messerscharfe Intensität besticht, musste James Baldwin kämpfen. Sein US-Verlag lehnte das Manuskript ab; seine Agentur riet ihm gar, die Seiten zu verbrennen. Erst sein britischer Verleger hatte den menschlichen Mut und fachlichen Weitblick, dieses ebenso wütende wie zärtliche Meisterwerk zu veröffentlichen.

KK
James Baldwin. Giovannis Zimmer. dtv. 208 Seiten, 20,60 Euro. © KK

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