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Buch der WocheGeorge Eliots Gespür fürs Menschliche

In ihrem Provinz-Epos „Middlemarch“ hat George Eliot das menschliche Dasein haarklein vermessen. Das Jahrhundertbuch gibt es nun in zwei neuen Übersetzungen.

Neben Lew Tolstoi und Honore de Balzac darf George Eliot als bedeutendste Vertreterin des Realismus gelten. © 
 

Es ist ein Flecken wie andere auch. Middlemarch, jene fiktive Kleinstadt in England, deren Name schon Durchschnittlichkeit suggeriert, gab George Eliots Wälzer von 1874 den Namen. Es ist auch kein Roman über eine Person, sondern über eine Gemeinschaft, zwischen deren Mitgliedern zahllose Verbindungen bestehen. Nur zwei Figuren ragen aus der Menge heraus: die idealistische, schwärmerische Dorothea Brooke und der idealistische, hochmütige Arzt Tertius Lydgate. Beide sind durch ihre hohen Ansprüche ans Leben auch Fremdkörper in der biederen Dorfgemeinschaft des Jahres 1830.

Es ist eine Gemeinschaft, die noch traditionell in Landadel, Bürger und Habenichtse separiert ist. Wo das Bewusstsein das Sein bestimmt, wo man aber zugleich am Beginn der Industrialisierung steht. George Eliot pflegt einen ironischen, aber realistischen Zugang. Mit Feingefühl und sprachlicher Finesse, mit einer unerschöpflichen Freude an Details lässt sie, begleitet von allerhand akademischen und philosophischen Betrachtungen, die menschlichen Eigenheiten durch das 1000-Seiten-Buch paradieren, auch die schlechten. Neben Großmut, Idealismus und Freundlichkeit beschreibt Eliot Stolz, Egoismus und Bigotterie der Landbevölkerung. Fast nie trägt sie zu dick auf, selbst die „fehlerhaftesten“ Menschen wie der vertrocknete Wissenschaftler Casaubon und die flatterhafte Rosamond erfahren Gerechtigkeit. Eliots ausgeprägter Moralismus verführt die Autorin nicht dazu, ihre Figuren leichtfertig zu verdammen.

Zum 200. Geburtstag von George Eliot ist das Buch in zwei neuen Übersetzungen erschienen, im Vergleich zeigen beide Stärken und Schwächen. Melanie Walz’ Übersetzung für Rowohlt ist lebendiger und farbiger, neigt aber zu Auslassungen und ist nicht immer ideal verständlich. Rainer Zerbsts Übertragung für dtv ist gemessener, präziser, aber auch umständlich-trockener. Beide Neuübersetzungen erreichen nicht ganz die Qualität jener Ilse Leisis von 1962, deren melodiöse und ungemein fein gearbeitete Übertragung für Manesse leider nur mehr antiquarisch erhältlich ist.

Egal in welcher Übersetzung: Eliots Sympathie für ihre Mitmenschen ist in allen drei reichlich enthalten. „Middlemarch“ ist der Höhepunkt des bürgerlichen Realismus, das ewig grüne Meisterwerk einer Autorin, die sich meist in sicherer Distanz zum Metaphysischen aufhielt und deren Humanismus bis heute nachhallt. Es geht immer um einfache Menschen, was nicht wenig ist. Wie es Eliot im berühmten Schlusssatz von „Middlemarch“ ungleich besser ausdrückt (zitiert nach der Zerbst-Übersetzung): „Denn wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den zahlreichen Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch besucht.

 

George Eliot, Middlemarch. Übersetzt von Rainer Zerbst. dtv. 1152 Seiten, 28,80 Euro.

George Eliot, Middlemarch. Übersetzt von Melanie Walz. Rowohlt. 1264 Seiten, 46,30 Euro.

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