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NationalsozialismusOlivier Guez über sein Mengele-Buch: "Zeigen, wie weit ein Mensch gehen kann"

In "Das Verschwinden des Josef Mengele" beschreibt Olivier Guez die Flucht des NS-Arztes, der in Auschwitz grauenhafte Verbrechen verübte. Sein Roman zeigt, wie einfach es für diesen Mann ohne Eigenschaften war, das Böse zu tun.

Autor Olivier Guez © (c) WIKI/Claude TRUONG-NGOC
 

"Literatur hat eine wichtige Rolle, weil es bald keine Zeugen mehr gibt. Simone Veil ist gestorben, Claude Lanzmann ist gestorben. Für die junge Generation ist der Nationalsozialismus genauso entfernt wie das Mittelalter oder Napoleon." Olivier Guez ist überzeugt, mit seinem Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" eine wichtige Funktion wahrzunehmen. Jüngst war er auf Lesereise in Österreich.

"Das Buch ist keine journalistische Ermittlung. Ich habe viel recherchiert und dann wie ein Regisseur gearbeitet, vor allem bei den Details", sagte der französische Autor bei einem Pressegespräch in Wien. So sei etwa das erste Zusammentreffen von Adolf Eichmann und Josef Mengele in Südamerika gut dokumentiert, nicht aber, wo genau es stattgefunden habe. "Ich habe für das Buch viel in Argentinien und Brasilien recherchiert. Es gab damals in Buenos Aires ein deutsches Lokal, das als Treffpunkt für die geflüchteten Nazis diente: das ABC. Das gibt es noch immer. Es ist gespenstisch. Es herrscht eine ganz besondere Stimmung, wie im Deutschland der 1930er-Jahre."

In seinem Buch lässt Guez das Treffen also dort stattfinden. Auf Mengele, den KZ-Arzt von Auschwitz, der durch seine Selektionen an der Rampe und seine grauenhaften Menschenversuche heute als die Personifizierung des Rassenwahns gilt, ist der 44-jährige Franzose über Eichmann gekommen: Guez hat das Drehbuch für Lars Kraumes Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" (2015) geschrieben, in dem die unermüdlichen Versuche des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (1903-1968), NS-Verbrecher vor Gericht zu stellen, im Mittelpunkt stehen. Der entscheidende Tipp an den Mossad, der zur Ergreifung und Entführung von Adolf Eichmann führte, kam von ihm. "Ich bin dabei oft auf Mengele gestoßen, denn er bewegte sich in Argentinien in denselben Kreisen wie Eichmann."

Aufbau Verlag
Olivier Guez. Das Verschwinden des Josef Mengele. Deutsch von Nicola Denis. Aufbau Verlag, 224 Seiten, 20,60 Euro. © Aufbau Verlag

Eigentlich habe er seit seinem Buch "Die Heimkehr der Unerwünschten. Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945" (2007 in Frankreich, 2011 auf Deutsch erschienen) ein Buch über einen Täter schreiben wollen. "Ich wusste damals nur noch nicht, über wen." Die Arbeit an seinem Roman, der im Vorjahr den renommierten Prix Renaudot erhielt, sei anfangs schwierig gewesen, sagte Guez. "Ich bin kein Spezialist über die Schoah und musste erst viel lesen. Anfangs bekam ich Albträume, aber dann beginnt man, Antikörper zu produzieren. Und ich habe mich immer darauf gefreut, über sein Ende zu schreiben."

Mengele führte ein gehetztes, einsames Leben, wurde Jahrzehnte lang gejagt, aber nie gefasst. Er starb 1979 in Brasilien, als er beim Schwimmen im Meer einen Schlaganfall erleidet. Auf einer seiner Recherchereisen entdeckte Guez jene Farm einer ungarnstämmigen Familie, auf der sich Mengele lange versteckt hielt, und konnte mit dem besten Freund eines der beiden Söhne der Familie sprechen. "Alles ist dort noch so wie damals. Der Wachturm, den Mengele gebaut hat, steht noch immer, auch seine Schallplatten gibt es noch. Es ist wie in einem Werner-Herzog-Film."

Nicht besonders gut kommt Simon Wiesenthal in seinem Buch weg. Er wird als begnadeter Selbstdarsteller und Geschichtenerzähler ohne große Substanz geschildert. "Ein Verdienst hat er sicher", so Guez zur APA: "Vermutlich sprechen wir heute nur deshalb noch immer über Mengele, weil Wiesenthal nie aufgehört hat, über ihn zu reden. Auch, wenn alles falsch war, was er erzählt hat."

Vor 20 Jahren hätte er das Ziel seines Buches noch auf eine einfache Formel gebracht: "Niemals vergessen!" Heute, wo sich die Perspektiven mehr in Richtung Entwicklungen der Gegenwart verschoben hätten, definiert er seine Aufgabe etwas anders: "Ich möchte zeigen, wie einfach es für diesen Mann ohne Eigenschaften war, das Böse zu tun. Mengele ist nicht mutig. Aber die Gesetze erlauben ihm, alles zu tun. Es ist wichtig zu zeigen, wie weit ein Mensch gehen kann, und wichtig zu wissen, wie das funktioniert."

"Das Verschwinden des Josef Mengele" ist nur eines einer ganzen Reihe von erfolgreichen Büchern, mit denen sich französische Autoren in den vergangenen Jahren mit der NS-Zeit auseinandergesetzt hatten - von Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" (2006) bis zu "Die Tagesordnung", für die Eric Vuillard im Vorjahr den Prix Goncourt erhielt.

Hat er eine Erklärung für das große Interesse von französischen Autoren und Lesern an diesen Themen? "Vielleicht mögen wir es, über unser Nachbarn zu schreiben? Jedenfalls lieber als über Vichy...", witzelte Guez, hielt aber fest: "Meine Perspektive ist kein französischer Blick auf Deutschland. Ich schreibe als Europäer über ein Kapitel europäischer Geschichte." Wäre die französische Kollaboration und das Vichy-Regime nicht ebenfalls ein dankbarer Romanstoff? "Vielleicht haben Sie recht. Pierre Laval (der Politiker war mit Philippe Pétain für die Kollaboration hauptverantwortlich, Anm.) wäre eine fantastische Romanfigur."

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