InterviewPeter Strasser: "Das Böse ist machtlos"

Philosoph Peter Strasser denkt in seinem Buch „Eine Hölle voller Wunder“ über die Abwesenheit des Geistes nach und rät im Gespräch angesichts der Weltlage zur Panik.

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Peter Strasser
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Der zweite Teil Ihres Buchs mit dem Untertitel „Spätes Philosophieren“ hat einen literarischen Duktus. Er beginnt, wenn man so will, mit einer keineswegs humorfreien Offenbarung sowie Visionen von den letzten Dingen und führt zu den Urmythen der Menschheit. Warum haben Sie eine solche spezielle Form gewählt? Und sind diese Themen von den letzten und ersten Dingen typisch für ein „spätes Philosophieren“?
PETER STRASSER: Ich hoffe, es klingt nicht überheblich, wenn ich sage: Nicht ich habe diese Form gewählt, sie hat mich gewählt. Im Teil „Die Götter sind nicht genug“ unterlief mir eine Menge mythisches Personal und dessen Treiben. Hinter dem Gewimmel über die Jahrtausende hin steckt das tiefste Geheimnis. Die Götter sind nur Spiegelungen. Darüber zu berichten, sollte mich wohl vor dem Abstraktbegrifflichen schützen: das Mystische, das Transzendente, das Sein des Seienden et cetera. Je älter ich werde, um so mehr langweilt mich die Eintönigkeit solcher Begriffe, ich finde sie lebensfeindlich.

Sie erwähnen auch die Krisen unserer Zeit und bezweifeln, dass eine Welt, die sich gewissermaßen ihrer Metaphysik nicht bewusst ist, Antworten hat. Was war für Sie der Ausgangspunkt und die Evidenz dieser Überlegungen?
Wir sind geistige Wesen. Damit sind wir tief in das verwickelt, was über die Welt – über das riesenhaft Technische, die Jagd nach Reichtum und Glück – hinausweist. Darin wurzeln unsere Krisen, wir sind quasi nur noch von hier, das macht uns verrückt. Wir verzehren uns im Kampf der Interessen, aber wir sollten – um Nietzsche zu bemühen – imstande sein, den Pfeil des Menschen über den Menschen hinausfliegen zu lassen.

Sie hegen starke Zweifel an der bloß vernunftgeleiteten Weltgesellschaft. Nun wird aber während der Coronakrise ständig an die „Vernunft“ appelliert. Und in den Machtzentren der Welt sitzen mitunter erratisch handelnde, „unaufgeklärte“, impulsive Menschen. Wie erklären Sie sich diese Widersprüche, die es in einer durch und durch rationalen Welt ja gar nicht geben dürfte?
Corona lässt sich keinesfalls durch modische „Spiritualitäten“ besiegen. Es hilft, wenn überhaupt, nur die medizinische Vernunft. Dass heute zeitgleich monströse Soziopathen die Welt regieren, liegt an der Verzweiflung so vieler Menschen, die ums Überleben und Besserleben kämpfen. Sie erwarten einen Erlöser, einen Wundertäter. In der Politik werden solche Hoffnungen aber nicht durch menschenfreundliche, besonnene Charaktere verkörpert. Diese finden sich in den Straflagern der pöbelhaften Cäsaren.

Das klingt sehr pessimistisch. Angesichts der Katastrophen der Gegenwart fordert Peter Sloderdijk: „Du musst Dein Leben ändern“. Was bliebe uns also zu tun?
Na ja, Sloterdijk zitiert hier Rilke, und in Rilkes Gedicht ist es ein „Archaïscher Torso Apollos“, ein kopfloser, augenloser, an dem dennoch keine Stelle sein soll, „die dich nicht sieht“. Das wirkt auf den Betrachter wie ein Schock, er hat das Gefühl, aus der Tiefe der Zeiten gewogen und für zu leicht befunden zu werden. Die Lehre, die meines Erachtens darin steckt – wenn es überhaupt eine gibt –, lautet ganz unbestimmt: „I want you to panic!“, das ist nicht mehr und nicht weniger als Greta Thunberg. Und so werden wohl auch wir leben müssen: panisch ins Unbestimmte hinein – bei allen guten Vorsätzen zu allen möglichen guten Taten.

Sie stellen im ersten Teil des Buchs die Beobachtung an, dass ein Fluss ein Fluss ist, weil er fließt. Das ist nicht banal, sondern legt nahe, dass Heraklits berühmte Beobachtung, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, falsch ist. Analog könnten wir sagen, der Mensch ist ein Mensch, weil er lebt, respektive wir sind nicht, wir werden. Warum sollte uns dieser Gedanke Hoffnung machen?
Sie haben recht, wir sind, indem wir werden. Und wir werden, die wir sind, in Freiheit, nach eigenem Ermessen und Pflichtbewusstsein. Wir müssen nicht, wie Sloterdijk da und dort suggeriert, den Weg zu einer Veränderung unserer humanen Substanz in Richtung genetischer Neuformung antreten. Der alte Adam ist schon der ganze Mensch. Das sollte uns Hoffnung machen, vorausgesetzt, wir vertrauen auf die Weisheit der Schöpfung.

In Ihrem Buch taucht häufig das Problem der Innerweltlichkeit auf. Ich interpretiere das auch als Eingesperrtsein in unser Bewusstsein. Aber wie schaffen wir es, aus dieser Situation heraus zu einer Solidargemeinschaft zu kommen, in der wir alle Menschen als zu einer Menschheit zusammengehörig erkennen? Und führt uns die Pandemie nicht vor, dass Solidarität ein längst verlerntes Gut ist, das wir langsam wieder erlernen müssen?
Was ich „Innerweltlichkeit“ nenne, ist eigentlich eine Ideologie, bedingt durch den Ausschließlichkeitsanspruch der Wissenschaften. Wir sind aber in unserem Bewusstsein schon immer über das bloß Innerweltliche hinaus. Denn wir sind geistige Wesen, die um Werte wissen, die sich rein innerweltlich nicht zeigen. Dazu gehört das Ethische, das Ästhetische, das Religiöse. Alle diese geistigen Werte sind zwanglos gar nicht anders denkbar, als dass sie vom Standpunkt des Ideals der einen Menschheit aus formuliert werden. Ich sage „Ideal“, denn wir leben in keiner idealen Welt. Aber wir leben in einer Welt, die weiß, dass sie sich des Ideals befleißigen sollte. Das Böse ist dagegen machtlos.

Sie zitieren diesbezüglich Thomas von Aquin und sprechen darüber, dass wir über Freiheit verfügen, aber im Rahmen einer „metaphysischen Ordnung“ aufgefordert seien, das Gute zu tun.
Ja, das stimmt. Wir haben die Freiheit, das Böse zu tun, aber wenn wir erst erkannt zu haben glauben, was das Gute ist, dann sind wir gebunden. Das Gute ist gut, wie auch immer die Welt beschaffen sein mag. Es fordert uns unbedingt. Es ist das Licht, von dem es im Prolog des Johannesevangeliums heißt: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Sonderzahl
Peter Strasser. Eine Hölle voller Wunder. Spätes Philosophieren. Sonderzahl, 332 Seiten, 33 Euro. © Sonderzahl

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