Abdulrazak GurnahAnglistin Reichl: "Nobelpreis geht nicht im engeren Sinn nach Afrika"

Die Vergabe an einen fast unbekannten Autor hat die literarische Welt ein wenig überrumpelt. Die Wiener Anglistin Susanne Reichl prophezeit, dass die Vergabe noch kritisiert werden wird, und unterstreicht, dass die Vergabe nicht bloß als eine politische missverstanden werden dürfe.

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Nobelpreisträger für Literatur Abdulrazak Gurnah © AP
 

Die Entscheidung, den diesjährigen Literaturnobelpreis dem tansanisch-britischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah zu verleihen, wird laut Susanne Reichl, Professorin für englische Literatur der Gegenwart der an der Uni Wien, "allgemein als das eingelöste Versprechen des Nobelpreiskomitees verstanden, den Preis globaler und weniger eurozentrisch auszurichten". Wie wichtig eine solche Strategie sei, zeige der Umstand, dass der 73-Jährige bis gestern nahezu unbekannt war.

Von seinen zehn Romanen liegen nur fünf auf Deutsch vor, die jedoch aktuell nicht lieferbar sind. Dabei stünden afrikanische Autorinnen und Autoren seit Jahren stets weit oben auf den Nobelpreislisten der Wettbüros. So etwa Ngugi wa Thiong'o, über dessen Werk Gurnah akademisch publiziert hat. Die Werke des Kenianers beeinflussen laut Reichl, zu deren Forschungsschwerpunkten "Black British Literature" zählt, auch Gurnahs Romane und Kurzgeschichten, die vorwiegend in Ostafrika und Großbritannien spielen. Noch stärker bewertet sie aber den Einfluss von Chinua Achebe oder Salman Rushdie. Gurnahs bisher erfolgreichster Roman "Paradise" (deutsch: "Das verlorene Paradies") aus dem Jahr 1994 kann laut der Expertin für postkoloniale Literatur "als afrikanischer Gegenentwurf" zu Joseph Conrads Kolonialroman "Heart of Darkness" (deutsch: "Herz der Finsternis") verstanden werden. Als weitere literarische Bezugsquellen nennt sie Shakespeare und Jane Austen, aber auch den Koran und die Bibel.

Während Ngugi in seiner Muttersprache Kikuyu schreibe, wähle Gurnah Englisch, lasse es aber mit anderen Sprachen verschmelzen, "um mit großer sprachlicher Energie den multilingualen und multiethnischen Charakter von Sansibar entstehen zu lassen", so Reichl in einem Statement gegenüber der Austria Presse Agentur. "Die Entscheidung für Gurnah heißt, dass der Preis nicht im engeren Sinne 'nach Afrika' geht", unterstreicht Reichl. "Das wird sicher kritisiert werden. Er geht aber an einen Schriftsteller, der mit eindrucksvollen Mitteln einen Teil von Afrika und seiner Geschichte schildert, von dem man in Mitteleuropa nicht allzu viel weiß - möglicherweise einer der Gründe für Gurnahs mangelnde Bekanntheit."

Die Brutalität der deutschen Kolonialherren und die Unausweichlichkeit kolonialer Strukturen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, sei eine wichtige Aufgabe. "Vor diesem Hintergrund begegnen wir Flüchtenden, die keine neue Heimat finden, aber doch einen wichtigen Entwicklungsprozess durchlaufen", so Reichl. Manche dieser Figuren kommen nie wirklich an und retten sich in imaginäre Herkunftsgeschichten, um mit Rassismus und Ausgrenzung zurecht zu kommen. "Gurnah verwebt verständnisvoll individuelle Schicksale mit der Geschichte Ostafrikas, Großbritanniens und Deutschlands. Dabei wird er nie sentimental, nostalgisch oder gar melodramatisch: dysfunktionale Familien haben nun mal kein Happy End, Exilant*innen finden kein Paradies." Die historischen Bedingtheiten ließen das nicht zu.

"Stattdessen breitet sich oft ein zerbrechliches Schweigen aus und die Ahnung, dass das noch nicht das Ende der Geschichte ist: die Heimatlosen scheinen für immer unterwegs zu sein", analysiert Reichl. Aber auch Gurnahs Nebenfiguren seien Nomaden und Reisende, so dass ein Gesamteindruck einer universellen Mobilität entstehe, die nie ganz freiwillig ist, und die Menschen in ihren Identitätsformierungen stark lenkt. "Der Flüchtende als Jedermann: auch das könnte zur Entscheidung der Akademie beigetragen haben."

Für Reichl ist es jedenfalls wichtig, die Entscheidung des Nobelpreiskomitees nicht als eine rein politische zu verstehen: "Gurnahs Themen und Anliegen werden getragen von einer präzisen Sprache: das kann schonungslos realistische Prosa sein, aber auch feine Ironie, beißender Humor oder einfühlsam lyrische Passagen. Unterschiedliche Zeit- und Erzählebenen werden gekonnt zu epischen Familiensagas verflochten, in denen einzelne Geschichten in ein großes Ganzes münden", streicht die Professorin Gurnahs literarische Qualität hervor.

In der postkolonialen Literatur geht es naturgemäß oft um Migration, Isolation und Heimatverlust. Gurnahs Alleinstellungsmerkmal sei jedoch seine tiefgründige Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen im Kontext von Ostafrika und seiner Kolonialgeschichte. "Dabei idealisiert er keineswegs die vorkoloniale Zeit; stattdessen zeigt er auf, wie im Handelsumschlagplatz Sansibar immer schon unterschiedliche soziale Gruppen um ökonomische und kulturelle Vorherrschaft gekämpft haben." Gurnah verknüpfe sein Verständnis dieser Strukturen mit individuellen Schicksalen von Menschen, die ihre Identitäten auf Erinnern, Vergessen oder Fabulieren aufbauen, und gebe diesen Geschichten eine eindrucksvolle sprachliche Form, die dem Lesepublikum lange in Erinnerung bleiben werde.

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