Ales RasanauFrüherer Grazer „Writer in Exile“ 73-jährig verstorben

Er war ein Großer und Stiller: Ales Rasanau, einer der weltweit bekanntesten Dichter aus Belarus, ist im Alter von 73 Jahren gestorben.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Ales Rasanau (1947-2021) © Kulturvermittlung Steiermark/Alaksandr Zhdanovich
 

Nebel:
Der Umwelt
ist schwindlig.

Regen:
Der See
unter Akupunktur.

Wind:
Der Halm
lehnt sich an den Halm,
doch der – lehnt ab.

„Punktierungen“ nannte Ales Rasanau seine haiku-artigen Gedichte im Band „Das dritte Auge“, der 2008 im Engeler-Verlag in Bern erschien. Er zählte zu den ungewöhnlichsten und weltweit bekanntesten Autoren aus Belarus. Er war ein Dichter „von der stillen Sorte“, wie seine slowakisch-schweizerische Schriftstellerkollegin Ilma Rakusa ihn im Vorwort dieses Bandes sieht. Nun ist Rasanau im Alter von 73 Jahren verstorben.

Das Schreiben war Rasanau quasi in die Wiege gelegt, denn auch sein Vater schrieb Gedichte – in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Mauthausen, denen dieser wie durch ein Wunder entkam. Er selbst verfasste schon als Mittelschüler lyrische Texte. Auf dem Land aufgewachsen, zog er für sein Philologiestudium nach Minsk. Dort galt er bald als Rebell, weil er kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen 1968 in Prag gegen die Russifizierung protestierte und für seine Fakultät Unterricht in Weißrussisch forderte. Die Exmatrikulation war die Folge. Dank Maksim Tank, der zu der Zeit Chef des Obersten Sowjet war, und anderer Autorenkollegen wurde es Rasanau aber erlaubt, sein Studium am Pädagogischen Institut von Brest-Litowsk fortzusetzen.,

Rasanau wurde Dorflehrer und arbeitete in den 1970er- und 1980er- Jahren als Zeintschriftenredakteur und Verlagslektor. Außerdem begann das absolute Sprachentalent als Übersetzer ins Weißrussische, zum Beispiel aus dem Bulgarischen, Slowenischen, Mazedonischen, Georgischen, Serbokroatischen, Deutschen, Polnischen, Tschechischen, Lettischen und Englischen, darunter „Ein Sommernachtstraum“ und zwei weitere Komödien von William Shakespeare.  

Seine geradlinige politische Sicht und sein Festhalten an seiner Muttersprache machte Rasanau zum Regimegegner. Anfang des Jahrtausends gewährte ihm die Stadt Hannover zwei Jahre lang Gastrecht. 2003 erhielt er den Herder-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung in Hamburg und war im selben Jahr von Februar bis Mai „Writer in Exile“ in Graz. Im Cerrini-Schlössl auf dem Schloßberg verfasste er erstmals Texte auf Deutsch, die in dem mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlichen Buch „Wortdichte“ in der Steirischen Verlagsgesellschaft erschien. „In Summe entstand solcherart ein persönliches Wörterbuch eines Reisenden, der sich mit Begriffen und Worten des Gastlandes sowie der Gastsprache auseinandersetzt“, heißt es in dem von Max Aufischer und der Kulturvermittlung Steiermark herausgegebenen Band, „Rasanau skizziert punktgenaue Bilder, die Ausgangsmotive für kritische Reflexionen genauso darstellen wie Brücken für eine gemeinsame kreative Sprach- und Verständigungsanalyse.“

Ilma Rakusa über Ales Rasanau

KK
© KK

Aus dem Vorwort zu "Das dritte Auge"

Ales Rasanau gehört zur stillen Sorte von Dichtern. Er macht kein Aufhebens um seine Person, lehnt «Ichhaftigkeit» und Originalitätssucht im Schreiben ab und kümmert sich weder um Zeitgeist-Themen noch um literarische Trends. Poetische Arbeit bedeutet für ihn das Angerührtwerden von einem Stoff, einem Ding – und das Echo darauf. Das klingt ebenso einfach wie bescheiden, setzt aber vieles voraus. Zum stillen Beobachter wurde Rasanau schon in der Kindheit: 1947 im weißrussischen Sjalez bei Brest geboren, wuchs er auf dem Lande auf, umgeben von der Natur und den Klängen der Dorfsprache. Russisch lernte er in der Schule und vom Vater, der die Konzentrationslager von Sachsenhausen und Mauthausen wundersam überlebt hatte. Doch schon bei seinen ersten Schreibversuchen, 1961, stand für ihn fest, dass er das volkstümliche Weißrussisch wählen würde. Dieser poetische Entschluss sollte bald zum Politikum werden: 1968, kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag, protestiert der Philologiestudent Rasanau gegen die offizielle Russifizierung und wird von der Universität Minsk relegiert. Sein Studium schließt er in Brest ab, wird dann Dorflehrer, um in den siebziger und achtziger Jahren als Zeitschriftenredakteur, Verlagslektor und Übersetzer zu arbeiten. Daneben entstehen eigene Gedichtbände («Wiedergeburt», «Auf immer», «Koordinaten des Seins», «Weg 360», «Die Pfeilspitze»), die ihm 1990 den Staatlichen Janka-Kupala-Preis eintragen. Rasanau gilt als Wortführer eines weißrussischen kulturellen Revivals, das an die Aufbruchsstimmung des Jahrhundertanfangs anknüpft, lange bevor die Sowjets jeden Nationalismus unterbanden und Stalin in den dreißiger Jahren die weißrussische Intelligenzia dezimierte. Aber auch die neue «Wiedergeburt» ist von kurzer Dauer: Mit Lukaschenkos Machtübernahme, 1994, kommt sie jäh zum Stillstand. Rasanau, dessen Poesie nie explizit politisch war, verfasst einige allegorisierende Texte mit regime- kritischem Unterton und wird mit jahrelangem Publikationsverbot bestraft. Ab 1999 folgt er Einladungen ins Ausland; seine Bücher erscheinen in Polen und zweisprachig in Deutschland, seit 2005 im Selbstverlag in Minsk. Es sind insgesamt mehr als ein Dutzend. In seiner Heimat gilt Rasanau als poetische Eminenz, unbestechlich in Wort und Tat. Für junge weißrussische Dichter ist er bewundertes Vorbild, auch wenn sich die Nachwuchsgeneration stilistisch anders orientiert. Im Westen aber haben wir es immer noch mit einem «Geheimtipp» zu tun; Rasanau harrt, trotz etlicher Übersetzungen ins Deutsche und zweier Bücher, die er dem Deutschen abgelauscht hat, trotz zahlreicher Stipendien und Preise weiterhin der Entdeckung. Zu entdecken ist ein Dichter von großer Vielfalt und Konsequenz. Allein schon die Genres machen hellhörig: gleichnishafte Prosaminiaturen, genannt Versetten; narrative, zu meditativen Gedichtzyklen zusammengefasste Poeme (z.B. «Lehm. Stein. Eisen»); sprachspielerische «Quanteme» und haikuhafte «Punktierungen»; und nicht zu vergessen die «gnomischen Zeichen», die man als Reflexionen oder Aphorismen bezeichnen könnte. Rasanau schöpft seine Inspiration in erster Linie aus volkstümlichen Legenden und Epen – sowie aus der Natur, doch holt er sich Anregung auch von der indischen Philosophie, von Heraklit, der Bibel und apokryphen (okkulten) Texten. Seine Suche gilt stets «Universalien», die er aus Natur, Geschichte und Traum herauszufiltern versucht, um zu einer «Es- senz» vorzustoßen, die auf elementare Weise einleuchtet. Reduktion, nicht Opulenz ist Rasanaus Motto, wobei der Schreibprozess einem geduldigen Geschehenlassen gleicht («der Funke springt von alleine»), das sich nicht viel aus sogenannter handwerklicher Professionalität macht. (Ilma Rakusa)

Ales Rasanau. Das dritte Auge. Punktierungen. Sammlung Urs Engeler Editor (2008), 112 Seiten, 17 Euro. www.engeler.de

 

 

 

 

 

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!