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LiteraturDie persönlichen Lesetipps der Bachmannpreis-Juroren

Welche Bücher empfehlen Profileser? Marianne Fischer und Bernd Melichar haben die diesjährigen Bachmannpreis-Juroren gefragt, was auf ihren privaten Lesetischen liegt.

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Die Juroren des diesjährigen Bachmannpreises haben ihre ganz persönlichen Lesetipps abgegeben
Die Juroren des diesjährigen Bachmannpreises haben ihre ganz persönlichen Lesetipps abgegeben © (c) APA/ORF/JOHANNES PUCH
 

Insa Wilke

Joshua Groß: „Entkommen“ (Matthes & Seitz). So abgedreht, so innig: Die Erzählungen von Joshua Groß sind beglückend merkwürdige Literatur. Man möchte nur noch mit ihm durch die Sommertage „schlurchen“.
Audre Lorde: „Sister Outsider“ (Hanser-Verlag). So vieles geht durcheinander, wenn derzeit über Gerechtigkeit und Diskriminierung gestritten wird. Audre Lorde, eine Ikone der schwarzen Frauenbewegung, hat in den 80er-Jahren manche Sätze gesagt, die auch heute noch klären, worum es eigentlich geht.
Valzhyna Mort: „Musik für Tote und Auferstandene“ (edition Suhrkamp). Wer sich den Menschen in Belarus zumindest gedanklich an die Seite stellen möchte und wer die magische Kraft von Lyrik erfahren will: Die Gedichte von Valzhyna Mort lesen!
Tarjei Vesaas: „Die Vögel“ (Guggolz-Verlag). Eines der schönsten und am großartigsten übersetzten Bücher, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Bitte dem „Schnepfenstrich“ folgen!

Insa Wilke Foto © (c) elisabeth peutz

Vea Kaiser

Hannes Stein: „Der Weltreporter“ (Galiani Berlin). Ein hinreißender Roman in Geschichten des in Amerika lebenden, wunderbaren Salzburger Autors. Eine Reise für alle, die heuer nicht reisen. Große Lesefreude!
Romina Pleschko: „Die Ameisenmonarchie“ (Kremayr & Scherei). Ich habe bisher aus Zeitgründen nur den ersten Satz dieses Buches gelesen und bin nun sehr gespannt, es endlich ganz lesen zu können.
Michael Maar: „Die Schlange im Wolfspelz“ (Rowohlt). Wunderbarer Versuch, „gute Literatur“ zu definieren. Unterhaltsam und macht Lust, im Sommer Klassiker wiederzuentdecken.

Vea Kaiser Foto © (c) APA/PETER LINDNER

Brigitte Schwens-Harrant

Ljudmila Ulitzkaja: „Eine Seuche in der Stadt“ (Hanser). Ulitzkaja erzählt vom Ausbruch einer Seuche in den stalinistischen 1930er-Jahren, vor allem aber von einer Durchseuchung der besonderen Art: der Durchseuchung durch totalitäre Macht.
Patricia Highsmith: „Zwei Fremde im Zug“ (Diogenes). In diesem Roman hatte die vor 100 Jahren geborene Schriftstellerin bereits mit 29 Jahren ihr Thema geformt: „Alles Gute und alles Böse war bei jedem vorhanden. Man mußte nur nach einem Zipfel davon Ausschau halten, um alles zu finden; es genügte, daß man ein wenig an der Oberfläche kratzte.“
Xaver Bayer: „Geschichten mit Marianne“ (Jung und Jung). „Das böse Virus unserer Zeit ist die Gleichgültigkeit, und sie gilt es zu vermeiden“, sagte der Schriftsteller Xaver Bayer vor Jahren in einem Interview und arbeitet mit seiner Prosa kunstvoll dagegen. Für seine „Geschichten mit Marianne“ erhielt Bayer 2020 den Österreichischen Buchpreis.

Brigitte Schwens-Harrant Foto © (c) APA/PETER LINDNER

Mara Delius

Emma Cline: „Daddy“ (Hanser): Emma Cline ist für mich seit ihrem Debüt „The Girls“ eine der interessantesten jungen Stimmen aus Amerika. „Daddy“ ist der langerwartete Nachfolger, der im Juli erscheint (auf meinem Nachttisch befindet sich also ein Leseexemplar, Luxus des Kritikers!)
Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ (Bibliothek Suhrkamp): Für den Sommer habe ich mir eine intensive Mayröcker-Lektüre-Phase vorgenommen und beginne mit ihrem letzten Werk „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“, das ich, obwohl es auf der Shortlist vom Leipziger Buchpreis stand, noch nicht habe lesen können.
Matthew Forsythe: „Pokko und die Trommel“ (Rotopol): Es gibt nicht viele neue Kinderbücher, die es schaffen, kunstvoll und leicht subversiv zu sein; das ist eines, das ich deswegen gern mit meiner Tochter lese. Es ist die Geschichte einer Familie von Fröschen, die in einem Pilz lebt, und gleichzeitig eine Erzählung über die Schönheit des Eigensinns.

Mara Delius Foto © (c) APA/PETER LINDNER

Klaus Kastberger

Was ich derzeit lese? Noch einmal und immer wieder das letzte Buch von Friederike Mayröcker, die 96-jährig am 4. Juni in Wien verstarb und deren Begräbnis ich versäumte, weil ich in Klagenfurt im Studio saß. Der Band „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete““ (Bibliothek Suhrkamp) etabliert zwischen Lyrik und Prosa eine vollkommen neue Ausdrucksform, die einem den Atem raubt. Der Tod dieser großen Dichterin ist ein immenser Verlust. Gerade ihr letztes Buch zeigt, wie viel poetische Kraft diese einzigartig Schreibende hatte. Ach, hätte sie doch 120 Jahre alt werden können: In welch unverstellbare Bereiche wäre ihre Dichtung noch vorgedrungen!
Weiters auf dem Lesetisch: Eines der frühen Bücher von László Krasznahorkai, dem ungarischen Romancier, der im heurigen Sommer völlig zu Recht den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur bekommt. „Satanstango“ (Meridiane/Ammann) zeigt anhand eines heruntergekommenen Dorfes die letzten Tage des Sozialismus. Kann aber, weil dieses Buch große Literatur ist, auch anderes gelesen werden: als eine prophetische Vision dessen, was in Ungarn derzeit passiert.
Ein Drittes: Egon Christian Leitners Fortschreibung seines Sozialstaatsromans im eben erschienenen Band „Ich zähle jetzt bis drei“ (Wieser). Auf mehr als 900 Seiten bietet der Grazer ein ganzes rhetorisches Arsenal auf, um auf die Ungerechtigkeiten der modernen Leistungsgesellschaft hinzuweisen. Das muss man gelesen haben und aushalten.

Klaus Kastberger Foto © (c) Puch Johannes

Michael Wiederstein

Eckhart Nickel: „Von unterwegs“ (Piper). Der Bachmannpreisträger der Herzen von 2017 hat vor wenigen Wochen eine Sammlung höchst amüsanter, intellektuell anregender und unverwechselbarer Reisetexte aus mehr als 20 Jahren publiziert. Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit, zudem ideal, um den Schwerpunkt Ihres cognacfarbenen Leder Weekenders wieder richtig auszutarieren.
Fabio Andina: „Tage mit Felice“ (Rotpunktverlag). Ein Tessiner Tal, ein abgelegenes Dorf, lauter knorrige Bewohner – und ein Wasserfallbecken nahe der Baumgrenze, in das Felice, der graue, mies gelaunte Antiheld dieses Buches, jeden Morgen springt. Selbst, wenn er es erst vom Eis befreien muss. Ein bemerkenswert entwaffnendes Debüt, sehr sorgfältig beobachtet, dann aber auch im richtigen Rhythmus und mit unverwechselbarer Stimme erzählt.
Matthew McConaughey: „Greenlights“ (Ullstein). Hat es der Oscarpreisträger und eventuell baldige Gouverneur von Texas, Matthew McConaughey, als kleiner Junge geschafft, einen hohen Bogen über die Köpfe zweier Kollegen seines darauf wettenden Vaters zu pinkeln? Solche und andere wichtige Lebensfragen beantwortet das kuriose – und nicht weniger mutige – literarische Debüt des US-Schauspielers: Ein wilder Mix aus semiverlässlicher Künstlerbiografie, Stickersammlung, Selbsthilfebuch und Lyrikbändchen, das im Original und bestenfalls kurz vor dem Einschlafen gelesen werden will.

Michael Wiederstein Foto © (c) APA/PETER LINDNER

Philipp Tingler

Konrad Paul Liessmann: „Alle Lust will Ewigkeit“ (Zsolnay). Den Philosophen Konrad Liessmann lese ich immer mit Gewinn. So auch seine Auseinandersetzung mit Nietzsche und der Nacht. Zwei Mächte, die auf den Menschen umstülpend wirken können.
Helga Schubert: „Vom Aufstehen“ (dtv). Dieses Buch ist eine Lebensreise: 29 Erzählungen, am Ende der Text, mit dem die Autorin letztes Jahr den Bachmannpreis gewann. Schubert, der das DDR-Regime 1980 die Ausreise zur Teilnahme in Klagenfurt verbot, beeindruckt mich durch ihre Totalitarismuskritik, ihre Warnung vor jeder Art von „besserwisserischen Utopien“, welchen Ursprungs auch immer. Sie versteht Geschichten als Brücken zwischen den Generationen zur Rettung der Freiheit.
Thomas Mann: „Goethe und die Demokratie“ (Fischer Klassik). Gerade konnte ich antiquarisch den Zürcher Erstdruck dieses Essays von Thomas Mann anlässlich des 200. Geburtstags von Goethe im Jahr 1949 ersteigern. Thomas Mann liebe ich noch mehr als Goethe: Er ist Medizin für mich und ein persönlicher Held. Von einem Satz wie „Genie ist immer ein Nur-eben-möglich“ kann man tagelang zehren.

Philipp Tingler Foto © (c) APA/PETER LINDNER

Weitere Buchkritiken und Berichte über den Bachmannpreis finden Sie unter: www.kleinezeitung.at/kultur

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