Haben Sie Erich Fried noch persönlich gekannt oder nur über sein Werk Zugang zu ihm?
JOSEF HASLINGER:
Ja, ich habe ihn noch persönlich gekannt. Ich war  Mitte der 1970er-Jahre Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Wespennest“ und Erich Fried war so freundlich, dass wir seinen Namen als ständigen Mitarbeiter führen durften. Das war er zwar nicht, aber er hat uns doch relativ häufig Texte geschickt. Damals hatte Erich Fried für mich Vorbildcharakter als engagierter Autor. Er war einer, der sich eingemischt hat. Weniger in Österreich, hauptsächlich in Deutschland. Dort gab es in den 70ern natürlich die ganze RAF-Geschichte, da hat er sich manchmal auch etwas verrannt, weil er eine Zeitlang die Selbstmorde der Mitglieder infrage gestellt hat. Er war in der Friedensbewegung engagiert. Als österreichischer Exilautor hat er sich hauptsächlich in die deutsche Politik eingemischt. Er wurde ja in Deutschland fast als deutscher Autor wahrgenommen – und wurde als engagierter Autor in einem Atemzug mit Günter Grass oder Heinrich Böll genannt.

Warum nicht der Blick auf Österreich?
Das hatte sicher auch mit dem Exil zu tun. Er war ja schon als junger Mann nach London gegangen und hat dort mit linken Exilorganisationen zu tun gehabt. Und deren Hauptaugenmerk lag eben auf Deutschland. Zur österreichischen Innenpolitik hat er sich erst im Zuge der Waldheim-Affäre geäußert. Erich Fried hat übrigens nach dem Krieg häufig überlegt, zurückzugehen. Aber dieses Zurückgehen hätte nicht Wien bedeutet, sondern Deutschland.

Warum hat er sich nicht mehr Österreich zugewandt?
Vielleicht auch deshalb, weil sich Österreich ihm nicht sehr zugewandt hat.

Der Schrifsteller Josef Haslinger ist Mitglied der Erich-Fried-Gesellschaft in Wien
Der Schrifsteller Josef Haslinger ist Mitglied der Erich-Fried-Gesellschaft in Wien
© ORF

In London wurde Erich Fried auch zum erfolgreichen Übersetzer von Shakespeare, Dylan Thomas, T. S. Eliot und anderen.
Vor allem seine Shakespeare-Übersetzungen waren enorm wichtig. Dadurch, dass das Englische seine zweite Muttersprache wurde, hatte er einen wesentlich genaueren Zugang zu Shakespeare. Die ganzen Wortspiele hat erst Erich Fried angemessen und richtig ins Deutsche übertragen. Das kann man zum Beispiel mit den Schlegel-Tieck-Übersetzungen gar nicht vergleichen.

Der breiten Öffentlichkeit ist Erich Fried aber als Verfasser der berühmten „Liebesgedichte“ bekannt, die 1979 erschienen sind.
Ja, dadurch erlangte er auch einen Sonderstatus als erfolgreichster deutschsprachiger Lyriker dieser Zeit. Diese Gedichte haben sich ja verkauft wie die warmen Semmeln. Heute noch können viele daraus zitieren. Sagen S‘ einmal in einer Runde: „Es ist was es ist“. Sofort kommt die Antwort: Fried! Diese Lyrik ist ja eigentlich Barock-Theater, das sind alles Allegorien. Die Liebe spricht, die Vernunft spricht, der Stolz spricht. Ein interessantes Verfahren, das Fried in seiner Lyrik häufig angewandt hat.

Bedauern Sie diese Verknappung auf „Liebes-Lyriker“?
Eine Verknappung ist es auf jeden Fall. In Bezug auf sein Lebenswerk und auch darauf, was ihm ein Anliegen war. Auf der anderen Seite ist es eine „Überlebensform“, für die man dankbar sein kann. So mancher, der sich für seine Liebesgedichte interessiert, schaut nach, was der Erich Fried sonst noch geschrieben hat. Hätte es die Liebesgedichte nicht gegeben, wäre Erich Fried sehr, sehr vergessen. So ist er nur vergessen. Denn das muss man leider sagen: Eigentlich ist er weitgehend vergessen, der Erich Fried. Aber die Liebeslyrik hält ihn am Leben. In den 80er-Jahren hingegen war er eine Berühmtheit. Und zu seinen Lesungen sind die Massen gekommen. Aber fragen Sie heute einen jungen Menschen nach Erich Fried.

Was sind die Ursachen dieses Vergessens?
Dass sein Ruhm relativ schnell verblasst ist, hat auch mit seinem Hauptpublikum damals zu tun, das es in dieser Form so nicht mehr gibt. Das waren in erster Linie engagierte Linksintellektuelle, Alternative, Anhänger der Friedensbewegung. Diese Leute sind oft über Erich Fried zur Literatur geraten, er war eine Art literarischer Aufputz dieser Bewegung.

Ließ er sich vor deren Karren spannen?
Nein! Erich Fried war kein Dogmatiker, gegen Dogmatismus war er regelrecht allergisch. Obwohl er zum Beispiel von Jugend auf mit kommunistischen Organisationen zu tun hatte, war der Stalinismus nie eine Gefahr, der er unterliegen konnte. Das geht auch aus seinen frühen Gedichten hervor. Fried ließ sich nicht von Parteien vereinnahmen.

Seine Offenheit bzw. Toleranz ging so weit, dass er in den 80er-Jahren Gespräche mit dem Neonazi Michael Kühnen führte – was Fried auch viel Kritik einbrachte. Teilen Sie diese Kritik?
Erich Fried war eine moralische Instanz, der man diesen Annäherungsversuch nicht vorwerfen kann. Der sture Linke hat sich damals auch gewundert, warum der Bruno Kreisky plötzlich den Simon Wiesenthal angegriffen und den Friedrich Peter in Schutz genommen hat. Ich glaube, dass bei Erich Fried auch seine Jugenderfahrung in Wien prägend war. Damals, zur Zeit des Dollfuß-Faschismus, waren ja die Nazis gemeinsam mit den Linksparteien in der Opposition. Sie mochten einander zwar nicht, aber der gemeinsame Hauptfeind war der Austro-Faschismus. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass Fried gelernt hat, auch mit Nazis zu reden und den Menschen dahinter zu sehen. Fried hat versucht, zu verstehen, wie jemand dazu kommt, solche Positionen zu vertreten. Den Menschen ist die Ideologie ja nicht angeboren. Fried war jemand, der alles kritisch hinterfragt hat – auch seine eigene Rolle als Schriftsteller.

Wie sollten wir den Autor und Menschen Erich Fried in Erinnerung behalten?
Für mich war Erich Fried ein großer Humanist und ein Lyriker, der einige Gedichte geschrieben hat, die wie Volkslieder im Gedächtnis haften bleiben.

Gibt es ein persönliches Lieblingsgedicht?
Ja, es geht so: „Ich bin der Sieg, mein Vater war der Krieg, der Friede ist mein lieber Sohn, der gleicht meinem Vater schon.“ Erich Fried hat mit der Angst seiner Jugenderfahrung auf die Gegenwart und Zukunft geblickt und immer befürchtet, dass die Menschen in Friedenszeiten zu übermütig werden, zu geschichtsvergessen. All das steckt in diesem Gedicht.

In seinen eigenen Worten:
Gedichte von Erich Fried
(erschienen in diversen Bänden im Verlag Wagenbach)

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Worte

Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt und was ich nicht verhindern kann

beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat
was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm: Komm

Und dann fliegen einigen von den müden Worten
und einige Tippfehler die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle

Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir sind

Ohne dich

Nicht nichts
ohne dich
aber nicht dasselbe

Nicht nichts
ohne dich
aber vielleicht weniger

Nicht nichts
aber weniger
und weniger

Vielleicht nicht nichts
ohne dich
aber nicht mehr viel

Fromme Denkungsart

Es gibt Wahrheiten
die können
lügen
wie keine Lüge

Es gibt ein Denken
das nur solche
Wahrheiten sucht

Je rauher die Welt
desto glatter
wird dieses
Denken

Vor einer Versöhnung

Der große Wettkampf
der unser Land erfaßt hat
zwischen Gemeinheit
und Kleinlichkeit
geht weiter

Die Gemeinheit
kann
ihre Opfer
schneller vernichten

Die Kleinlichkeit
wirkt nicht so rasch
aber sicher
und unauffällig

Beide sind gleich beliebt
und haben gleichviel Erfahrung
Es heißt
ihre gütliche Einigung
steht vor der Tür

Buchtipp. Erich Fried: "Mitunter sogar Lachen". Erinnerungen. Mit einem aktuellen Nachwort von Josef Haslinger. Wagenbach, 203 Seiten, 26,90 Euro.

© KK