Buch der WocheJohn Burnside und das Scheitern als Chance

Wut, Trauer und der Versuch, versöhnliche Töne zu finden. Mit „Magie und Liebe“ vollendete John Burnside seine schonungslose seelische Inventur.

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Emotionale Wechselbäder: John Burnside © APA
 

Am Anfang standen der Zorn und die Verbitterung. Vor rund zehn Jahren begann der schottische Literat John Burnside (64) mit dem Weltbestseller „Lügen über meinen Vater“ die Expedition in sein eigenes, desolates Inneres. Verursacht durch eine an Schatten reiche Kindheit im letzten Winkel seines Heimatlandes, mit einem alkohol- und spielsüchtigen Vater und Familientyrann. In einer dreiteiligen Autobiografie wollte er sich von massenweise angehäuftem seelischen Müll befreien, zu dem er selbst auch immer wieder einiges beisteuerte.
Im zweiten Teil „Wie alle anderen“ gestand er sich verbittert ein, in vielerlei Hinsicht auf den Spuren seines Vaters zu wandeln. Drogenexzesse enden in psychiatrischen Anstalten, der Wille zur Selbstzerstörung nimmt verheerende Formen an. Aber wie eine Maxime zieht sich Samuel Becketts Formel „Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“ durch die gesamte Trilogie.

Treue zum Wilden


Ehe nun der Verdacht entsteht, bei John Burnside handle es sich um die britische Variante von Charles Bukowski: Er gehört zur obersten Liga der angloamerikanischen Literaten. Dies belegt er auch im furiosen Finale „Liebe und Magie“. Das Schlüsselwort lautet „thrawn“, eine „Begabung für und eine Treue zum Wilden“, wie Burnside schreibt. Er erzählt von jugendlichen Liebesabenteuern, die stets ein rasches Ablaufdatum haben, von der womöglich größten Liebe seines Lebens, die er selbst, aus Scheu und Angst, vorzeitig zum Scheitern brachte. Das Widerspenstige in ihm behielt die Oberhand.

Fundgrube


Dennoch ist dieses wunderbare Werk eine große Liebeserklärung – an das Leben, an die Musik, an die Welt des Wissens. Jedem Kapitel ist ein markanter und prägender Popsong vorangestellt, beginnend mit „I Put a Spell on You“. Eingeschoben in die Rückblicke sind großartige „Abschweifungen“, sei es über Narzissmus, sei es die Liebe zum Film, seien es Betrachtungen über die Berge auf dem Mond. Eine Fundgrube, gefüllt mit Erkenntnissen eines großen Dichters und Denkers, der auch plausibel erläutert, „warum sich verirren ein Augenblick des Glücks ist“. Ein magisches Werk, in dem man sich nur allzu gerne verliert.

Buchtipp: John Burnside. Über Magie und Liebe. Penguin, 288 Seiten, 20,60 Euro.

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