Buch der WocheMichael Ondaatje: Lügen in Zeiten des Krieges

Michael Ondaatje schuf mit „Kriegslicht“ eine exzellente Mischung aus einem Spionage-Thriller und einer britischen Familientragödie. Ein erster Höhepunkt im Bücherherbst.

MICHAEL ONDAATJE
Raffiniert aufgebaute Geschichte: Michael Ondaatje © AP
 

Der berühmte erste Satz, er könnte vielsagender nicht sein. „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren“.
So beginnt Michael Ondaatjes neuer Roman „Kriegslicht“, der eigentlich aus zwei Geschichten besteht. Teil eins ist eine Familientragödie mit dem jungen Geschwisterpaar Rachel und Nathaniel im Zentrum; der Bruder ist auch der Ich-Erzähler.
Schauplätze sind London und ein Provinzdorf in der Grafschaft Suffolk, die grandios und raffiniert aufgebaute Geschichte führt aber auch nach Triest und Neapel.

Puzzlespiel

Der Vater der beiden Jugendlichen nimmt angeblich einen lukrativen Job in Asien an, die Mutter packt einige Monate später plötzlich ihre Koffer, offiziell, weil sie ihrem Mann nachfolgen will. Mit dieser Ausgangslage beginnt ein ausgeklügeltes, faszinierendes Puzzlespiel; allmählich nimmt dabei ein Spionage-Thriller, reich an Finten, Lügen und familiären Notlügen, Kontur an.
Schon in seinem vielfach preisgekrönten Roman „Der englische Patient“ bewies Ondaatje sein exzellentes erzählerisches Einfühlungsvermögen für Menschen in Ausnahmezuständen, in Zeiten des Krieges und in den Wirren danach. Großartig versteht er es, Gegenwart und Vergangenheit zu verweben und seine Leserschaft mit auf eine Spurensuche zu nehmen.
Nathaniel erhält einen Job als Regierungsbeamter, er soll eher belanglose Geheimdienst-Dokumente sortieren und archivieren, findet aber auch Zugang zu streng gehüteten Unterlagen über die wahre Tätigkeit seiner Mutter, die viele seiner Erlebnisse in den Kriegsjahren und danach in ein völlig neues Licht rücken, zurück bleibt trügerischer Schein.

Leuchtfeuer

Ein subtiles, am Ende sehr berührendes Meisterwerk, gleichrangig mit den Spionageromanen von John le Carré oder Graham Greene, die ja ebenfalls sprachliche Schicksalsymphonien schufen, ausgestatten mit der raren Gabe, große Spannungsbögen fernab jeglicher Action zu errichten. Ein erstes Leuchtfeuer im Bücherherbst.

Michael Ondaatje. Kriegslicht. Hanser. 320 Seiten, 24,70 Euro.

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