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1000-Seiten-Roman

Clemens Setz und das große Kribbeln im Kopf

Clemens J. Setz über seinen 1000-Seiten-Roman, die Normalität der Simpsons und die Frage, ob es außerhalb von Graz überhaupt etwas gibt. Samt Gedanken, warum es Zeit wäre, unseren Planeten neu zu starten. Von Werner Krause

Clemens Setz
Clemens Setz © APA/HERBERT NEUBAUER
 

Herr Setz, ein Kritiker meinte nach der Vorab-Lektüre, natürlich etwas sarkastisch, Ihr Buch diene vor allem dazu, ihn wahnsinnig zu machen. Wie steht es mittlerweile um den Gesundheitszustand des guten Mannes?

CLEMENS J. SETZ: Oh. Ich hoffe, er nimmt den Wahnsinn mit. Es ist ja kein gefährlicher Wahnsinn, sondern ein zahmer, mausförmiger, der sich auf der eigenen Schulter einrollt und schläft.

Genre-Bezeichnungen fallen bei Ihren Werken besonders schwer, aber könnte auch das Etikett „realer Horror-Roman“ halbwegs daran haften?

SETZ: Es passen bestimmt einige Etiketten auf den Roman, er ist ja recht lang. Und es kommt fast alles darin vor. Außer die DDR, glaub ich. Eine zentrale Rolle im Buch nehmen das Stalking und die Stalker ein.

Handelt es sich dabei, angesichts der Besessenheit, privateste Dinge im Internet oder in den sozialen Medien kursieren zu lassen, nicht um Auslaufmodelle?

SETZ: Nein, glaub ich nicht, dass das Auslaufmodelle sind. Stalker sind ja nicht nur an Einsicht in Privatverhältnisse interessiert, sondern daran, ein Problem im Leben einer Person zu werden. Sie drängen sich ins Zentrum.

In einer Passage des Buches schreiben Sie ironisch, das Internet rede ständig mit vollem Mund. Andererseits zappeln wir alle mehr oder weniger im Netz. Steuern wir nicht alle reichlich direkt auf ein Leben in Parallelwelten zu?

SETZ: Ich hoffe doch sehr. Ich begrüße das. In einer Parallelwelt werden wir weniger Schaden anrichten, glaube ich. Eine Parallelwelt könnte man, anders als unseren realen Planeten, vielleicht einfach neu starten, wenn wir darin alles kaputt gemacht haben.

Zu Ihren Markenzeichen zählt es, die sogenannte Normalität aus den Angeln zu heben. Diesfalls dient ein Behindertenheim als Hauptschauplatz, in dem, um nicht allzu viel zu verraten, auch die Täter-Opfer-Beziehungen mehrmals wechseln. Aber gerade deshalb gefragt: Gibt es für Sie überhaupt einen halbwegs intakten Normalzustand in der Gesellschaft?

SETZ: Bei den „Simpsons“ gibt es eine Szene, wo – wenn ich mich recht erinnere – Homer sich seine eigenen Kinder als „Freaks“ vorstellt. Er hat eine Vision von normalen, lächelnden Kindern „ohne Vorbiss“, mit rosa Haut und fünf Fingern an jeder Hand. Und er erschrickt und schreit entsetzt.

Sie haben rund vier Jahre an diesem 1000-Seiten-Roman gearbeitet, ein Jahr lang dauerte die endgültige Reinschrift. Kam es dabei auch für Sie immer wieder zu überraschenden Wendungen in einer Geschichte? Oder haben Sie da schon ein festes Koordinatensystem für Ihre Romanfiguren?

SETZ: Ich wusste nicht viel, als ich begann. Aber mit der Zeit schmelzen die Episoden zusammen und man sieht, was man eigentlich erzählen wollte, was der Kern der Geschichte ist.

Aber trotz des Umfangs: Von einem Opus magnum zu sprechen, ist bei einem so obsessiven Vielschreiber wohl etwas verfrüht?

SETZ: Ehrlich gesagt, möchte ich gar nicht mehr so viel schreiben. Und ich habe mich seit Beendigung des Romans vor etwa eineinhalb Jahren auch daran gehalten. Es macht einen ja auch kaputt mit der Zeit. Erzählt einem keiner vorher.

Eine wichtige Rolle spielen Obsessionen, über die ja, anfangs verborgen, unterdrückt, fast alle Ihre Figuren verfügen. Schlüpfen Sie da nicht selbst auch, im Bündnis mit der Leserschaft, in die Rolle eines kleines Stalkers oder Voyeurs?

SETZ: Voyeur ja, Stalker nein. Autor und Leser sind ja unsichtbare Besucher in der Welt des Romans, wie Gespenster. Sie drängen sich nicht in das Leben der Figuren. Mein Modell ist hier Harold Brodkey, der so weit aufmacht, dass man es manchmal gar nicht aushält, in die Innenwelt seiner Figur Wiley Silenowicz zu blicken. Trotzdem, wie arm wäre die Literatur ohne ihn und ohne ähnlich weit und tief betretbare Romanbergwerke?

Ein Schüsselwort für diesen Roman könnte Aleph lauten, dem Jorge Luis Borges wieder zu einiger Bekanntheit und Rätselhaftigkeit verhalf (Anm. d. Red: Aleph benennt, vereinfacht, einen unendlich kleinen Punkt, der aber das ganze existierende Weltall als Abbild enthält). Schauplatz in Ihrem Roman ist zwar Graz, aber letztlich ist es ein völlig hermetischer, geschlossener Raum, einem universellen Abziehbild gleich.

SETZ: Das stimmt. Alephs sind in meinem Roman Wesen, die die ganze Welt gleichzeitig sehen und dann unerklärlicherweise an einem Detail hängen bleiben. Graz enthält ja das ganze Universum, das ist bekannt. Aber unklar ist, ob es außerhalb von Graz noch etwas gibt. Nächste Woche bin ich in der Schweiz, von der es ja auch nicht sicher ist, ob sie existiert. Sie wirkt ziemlich erfunden. Allein schon das mit den ausgehöhlten Bergen, in denen Militärjets verstauben.

Faszinierend an allen Ihren Werken sind die vielfachen Möglichkeit der Lesarten. Wer will, kann sich auf eine höchst unkonventionelle Geschichte mit rasch wachsenden Spannungsbögen freuen. Wer nach mehr sucht, findet jede Menge an Doppeldeutigkeiten, Verweisen, Rätselhaftigkeiten. Ein eigener installierter Weblog wird sich bis Dezember mit all den Auslegungsmöglichkeiten des Romans beschäftigen. Ehrt oder amüsiert Sie das?

SETZ: Nein, natürlich ehrt mich das. Ich glaube, man könnte mich, falls ich selber fehle, anhand dieses Romans nachbauen. Also wird diese Auslegungsmaschine im Internet vielleicht meine Autobiografie. Geschrieben von anderen. Was natürlich ideal ist.

Mehrmals ist im Roman von einem relativ neuen Youtube-Trend, ASMR, die Rede. Dabei sorgen Videos für ein emotionales Kopfkribbeln. Sind Sie einverstanden, wenn wir behaupten, dass dieses Buch ein Garant für ein ungewöhnliches Kopfkribbeln ist?

SETZ: Ja. Ich versuche übrigens schon seit einiger Zeit, eigene ASMR-Videos zu machen. Ich werde bald eines hochladen.

INTERVIEW: WERNER KRAUSE

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