Wie kamen Sie auf die Idee, ein Symposion über die Philosophin Ingeborg Bachmann auf die Beine zu stellen?
ALICE PECHRIGGL: Die Idee kam eigentlich von Marion Heinz. Sie ist Professorin an der Universität Siegen und hat einmal bei uns einen Vortrag über Martin Heidegger gehalten, worin sie dessen nationalsozialistische Verstrickungen genauer herausgearbeitet hat. Heidegger war ja in dieser rechtsphilosophischen Kommission zur Legitimierung der Shoah, die von Hans Frank, dem „Schlächter von Auschwitz“, geleitet wurde. Marion Heinz hat vorgeschlagen, dass wir eine Tagung zum Thema Bachmann und die Philosophie machen sollten, weil Bachmann im deutschsprachigen Raum die Erste war, die sich mit der kritischen Heidegger-Rezeption der Vorkriegszeit, insbesondere des Wiener Kreises, kritisch auseinandergesetzt hat. Ihre Dissertation ist 1949 erschienen.

Da war sie gerade 23 und noch weit davon entfernt, eine gefeierte Dichterin zu sein. Strebte sie eine akademische Karriere an?
In ihren Briefen habe ich das so explizit nicht gefunden, aber in einer Biografie gelesen. Es muss für sie damals klar gewesen sein, dass sie als Frau keine Chance hatte. Erste Stellen für Assistentinnen gab es in Österreich erst ab den 1970ern. Philosophie war bis dahin eine reine Männerdomäne.

Sie selbst waren die erste Frau an der Spitze des Instituts für Philosophie an der Universität Klagenfurt. Hätten Sie Bachmann aufgrund ihrer Dissertation einen Job angeboten?
Sie war damals noch sehr jung. Es ist auch eine sehr schulische Arbeit geworden – damals waren die Dissertationen auch nicht so ausführlich wie heute. Aber sie ist sehr akkurat gemacht. Mein Lehrer Michael Benedikt – er studierte mit Bachmann – hat ab und zu von ihr erzählt und hielt sie für eine gute Philosophin. In diversen Radiosendungen stellte sie die zeitgenössische Philosophie kenntnisreich dar, insbesondere die Sprachphilosophie Wittgensteins. Sie hatte auch zur Publikation seiner Schriften auf Deutsch beigetragen.

Alice Pechriggl, Philosophin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
© KK

Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ scheint Bachmann, bei aller Distanz, auch inspiriert zu haben, wie etwa der Lyrikband „Die gestundete Zeit“ nahelegt. Sehen Sie da gewisse Analogien?
Ja, das Nachdenken, das den Dingen und der Sprache Auf-den-Grund-Gehen, das hat sie an Heidegger zu Recht fasziniert. Da war sie sich auch mit Paul Celan einig, der Heidegger eigentlich gehasst hat – zumal als Jude, der seine Familie verlor. Aber sie fanden ihn interessant für die Dichtung und die Dichter, Bachmann war allerdings radikaler als der Kleinbürger Heidegger: in ihrem Existenzialismus, ihrer Dichtung und der tragischen Synthese von Auf-den-Grund-Gehen und Zugrundegehen.

Wahrheit, Sprache oder Angst sind nicht nur zentrale Themen der Philosophie, sondern auch in Bachmanns Literatur. War die Philosophie das Fundament ihrer Dichtkunst?
Ich denke schon, und zwar nicht nur durch die Möglichkeit zur Reflexion existenzieller Abgründe, sondern auch wegen der Relevanz philosophischer und poetologisch-sprachphilosophischer Begriffe. Sie hat ja auch Germanistik studiert. Aber den Abschluss hat sie in Philosophie gemacht. Das war ihr sehr wichtig. Wir werden auf der Tagung zeigen, in wie vielen Bereichen das zentral für sie war, nicht nur in ihrem Werk, sondern auch in ihrem Zugang zur Dichtung. Vor allem der Briefwechsel zeigt, dass sie auch philosophierte und für ihr psychisches Überleben schrieb.

Sie sind auch gelernte Psychoanalytikerin. War Bachmanns Überleben nicht doch von allzu kurzer Dauer?
Sie ist in der Tat recht jung und auf tragische Weise gestorben; aus ihren Briefen sowie aus Berichten geht hervor, dass sie sehr gelitten hat; aber ich möchte darüber keine psychoanalytischen Interpretationen oder Spekulationen anstellen.

Was würden Sie als Ihr Lieblingswerk von Bachmann bezeichnen?
Früher, als ich noch jung war und fast alles von ihr gelesen habe, war es „Malina“. Jetzt ist es das Gedicht „Was wahr ist“. Es geht darin nicht zuletzt auch um den subjektiven Aspekt von etwas, das wahr ist oder was wir (noch) nicht wahrhaben wollen. Die Wahrheit im tradierten philosophischen, fast theologischen Sinn erreichen wir ohnehin nie.

Bachmanns meist zitierter Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ scheint aber Gegenteiliges zu suggerieren.
Da meint sie eine Wahrheit, die uns betrifft, die wir sagen können oder nicht sagen, weil wir uns nicht getrauen; eine Wahrheit also, die vielleicht unsere Grundfesten erschüttern würde, wüssten wir sie oder sprächen wir sie aus. Bei Bachmann wie bei der Psychoanalyse geht es um das Nichtwahrhabenwollen, die Angst vor der Wahrheit. Und um die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, dass die Angst aufhört, der Krieg, die Verzweiflung. Da ist die Bachmann sehr tief und sehr weit gegangen. Zu weit und zu tief für sich selbst.