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Bachmannpreis 2020Zweiter Lesetag: Eulenspiegeleien, Eltern und eine erste Favoritin

Die 80-jährige Helga Schubert las eine Mutter-, die 50 Jahre jüngere Hanna Herbst eine Vater-Geschichte. Heftige Debatten über autobiografisches und fiktionales Schreiben und Ökonomie.

44. Tage der deutschsprachigen Literatur Ingeborg Bachmannpreis 2018
Bachmannpreis 2020 © Puch Johannes/ORF
 

Die älteste diesjährige Teilnehmerin, die 80-jährige Helga Schubert, hat am Freitagvormittag den zweiten Lesetag der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet und sich dabei als erste Favoritin etabliert. Coronabedingt findet die traditionsreiche Veranstaltung zur Vergabe des Bachmann-Preises heuer vorwiegend digital statt. Die Lesungen wurden vorab aufgenommen und werden eingespielt.

"Vom Aufstehen" heißt der sich mit der Mutter der Erzählerin auseinandersetzende Text, den Schubert im Garten ihres Hauses in Nordwestmecklenburg, untermalt von Vogelgezwitscher, vorlas. Schubert, die schon 1980 nach Klagenfurt eingeladen wurde, jedoch aus der DDR nicht ausreisen durfte, war 1987-90 Mitglied der Jury. In den offenbar autobiografischen Erinnerungen erfüllt sie ein Versprechen, das sie ihrer vor vier Jahren im Alter von 101 Jahren gestorbenen Mutter gegeben hat: "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe." Auf der Intensivstation erzählt die Mutter die von ihr vollbrachten "drei Heldentaten, die dich betrafen": Sie habe sie nicht abgetrieben, sie habe sie bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen geschoben, "und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten."

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Helga Schubert eröffnete heute Foto © ORF

Die Jury-Diskussion, die per Liveschaltung aus Berlin, Zürich, Wien, Graz und Bamberg erfolgt, eröffnete Jurysprecher Hubert Winkels mit einem langen, lobenden Monolog. "Ich liebe Sie", sprach der neuen Juror Philipp Tingler die Autorin direkt an und lobte Vortrag und Text, der seiner Meinung nach jedoch "nicht alle Möglichkeiten ausschöpft" und auch handwerkliche Defizite aufweise. Für Klaus Kastberger ist es ein autobiografischer Text, der zwar "manchmal klischeehaft" sei, ihn aber "insgesamt sehr beeindruckt" habe. Immer wieder unterbrochen von heftigen grundsätzlichen Diskussionen über fiktionales und autobiografisches Schreiben formulierten Michael Wiederstein und Nora Gomringer manche Einwände, während Brigitte Schwens-Harrant und Einladerin Insa Wilke viele lobende Worte fanden. Insgesamt scheint Schubert gute Chancen auf einen der am Sonntag zu verleihenden Preise zu haben.

Es geht um Geschichten

Nach der 1940 geborenen Helga Schubert las die ein halbes Jahrhundert später geborene Hanna Herbst, die größtenteils in Österreich aufgewachsen ist und vorwiegend als Journalistin arbeitet. Ihr Text trägt den Titel "Es wird einmal" und wird u.a. von Wendungen wie "Du hast erzählt die Geschichte von..." , "Ich habe dir erzählt von..." oder "Ich habe gefragt, ob du dich erinnerst an die Geschichte, die...." strukturiert. Es geht um Geschichten, aber gelegentlich auch um Pointen: "Deine Lieblingszeit war das Futur II. Wir werden glücklich gewesen sein. Und deine andere Lieblingszeit war morgens um halb sechs." Vor allem aber geht es um das angesprochene Du, ein Maler und offenbar der Vater der Erzählperson (was Kastberger bestritt), der am Ende des Textes stirbt: "Das Letzte, das du gesagt hast: 'Gleich weiß ich mehr als du.'"

Bachmannpreis 2020: Fotos vom Wettlesen

Kein Publikum und die Juroren über die Bildschirme zugeschaltet: Der Bachmannpreis schaut heuer ganz anders aus.

(c) ORF (Johannes Puch)

Musste doch die Literaturveranstaltung coronabedingt ins Netz verlegt werden.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Der ORF betreibt dafür einen beachtlichen technischen Aufwand.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Im ORF-Garten sind  Heinz Sichrovsky und Julya Rabninovich zu Gast - sie kommentieren zwischendurch das Wettlesen von einem Balkon aus.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Ansonsten ist der Garten heuer menschenleer.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Die Juroren werden per Videoschaltung zugeschaltet . . .

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

. . . während der Moderator Christian Ankowitsch sich in einem eiförmigen Sitz entspannen darf.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Mehrere Perspektiven gibt es auch bei den voraufgezeichneten Videolesungen der Autoren.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

Die sind via Skype bei den Jurydiskussionen dann auch live zugeschaltet.

(c) Puch Johannes (Puch Johannes)

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(c) Puch Johannes (Puch Johannes)
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(c) Puch Johannes (Puch Johannes)
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"Eine Erinnerungsreise einer Tochter an den geliebten Vater", nannte das Hubert Winkels, der den Text gerne gelesen und gehört hat, aber die Außenwelt vermisste und eine Ambivalenz in dem "seltsam Schillernden" des Textes ortete. Die "Rhythmik von einsam und zweisam sein", hob Insa Wilke hervor, die Herbst eingeladen hatte. Michael Wiederstein begeisterte sich über "das perfekte Imperfekte" des Textes, der mitunter jedoch über das Ziel hinausschieße. Tingler vermisste die "emotionale innere Welt des Ichs" und sah einen "experimentellen Text". Kastberger gefiel besonders das gesungene Porträt-Video der Autorin und meinte: "Ich habe das Gefühl, dieser Text tut so, als wäre er ein Text." Gomringer las "eine andere Art von Künstlerbiografie" heraus, Schwens-Harrant fühlte sich in der Kraft des Erzählens an Scheherazade erinnert. Der Text halte dies allerdings nicht durch.

"Eulenspiegelton"

"Immer im Krieg" heißt der Text, dessen Abschnitte der Grazer Egon Christian Leitner jeweils mit "Tag, Monat, Jahr" betitelte. Diese Abschnitte behandeln Politik und Geschichte (vom 9. Jahrhundert vor Christus über Jesus bis zu 1953), gegenwärtige Probleme der Gesellschaft und Beobachtungen aus der "Firma" und der Begegnung mit Menschen. Ein Abschnitt lautet: "Kein einziger Witz gelingt mir. Alle so gut gelaunt und ich bring keinen einzigen Witz an. Einer sagt wenigstens, was ich sage, ist lächerlich. Immerhin was!"

Insa Wilke ortete "einen Eulenspiegelton" in den Geschichten, die Leitner mosaikartig und komplex zusammenfasse. "Ambivalent und komplex ist dieser Text überhaupt nicht, er ist total hermetisch", antwortete Tingler, der darin "ein Weltbild mit kategorischen Positionen von Gut und Böse" fand. "Das ist der Stand einer Diskussion, die wir längst hinter uns haben sollten", meinte er, nannte den Text in einer heftigen Konfrontation mit Wilke "literarisch belanglos" und geriet auch mit Hubert Winkels überkreuz, der in dem Text eher Fragen als Kategorisierungen entdeckte. Wiederstein nannte den Text gelungen, eben weil der Autor eine Haltung habe und sich in den Text integriere.

"Ich bin über die vielen Zahlen unheimlich hineingestolpert in den Text", sagte Schwens-Harrant und nannte die von Leitner aufgeworfene Frage der Ökonomisierung des Menschen ein wichtiges Thema. Einen "radikalen Text", der sich mit der sozialen Wirklichkeit beschäftige, fand Klaus Kastberger, der Leitner eingeladen hatte und auf dessen "Sozialstaatsroman" hinwies. Der Text sei aktuell, weil das von ihm behandelte Thema der sozialen Ungleichheit weiterhin aktuell sei. Ein "Hineinlesen in ein großes Leiden", ortete Gomringer in dem "großen Wurf".

Den Schlusspunkt des Vormittags setzte der Autor Egon Christian Leitner selbst, der Juror Tingler ansprach, "weil Sie mich für literaturblöd halten", und in seinem Statement ein lateinisches Zitat sowie Verweise auf die Antike, auf Meister Eckhart und Erich Fromm unterbrachte. Wichtig sei die Bereitschaft, "Menschen und Sachverhalte nicht zu entstellen".

Auftakt am Nachmittag

Mit einer verschachtelten Prosa über die Geschichte der fiktiven Ostsee-Insel Warenz startete der deutsche Autor Matthias Senkel am Freitag in den zweiten Nachmittag der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur. Der 1977 geborene Autor trat damit nach 2012 bereits zum zweiten Mal beim Bachmann-Preis an.

In einer Mischung aus Dialogen, Auflistungen, Einträgen in einer "Heimatkundlichen Broschüre" oder erzählenden Passagen quer durch die Jahrhunderte bis hin in die Zukunft hinein webt Senkel eine im Diffusen bleibende Geschichte. In ihr finden sich auch zahlreiche geologische und biologische Beschreibungen des düsteren Ortes, der mit seinen Findlingen - rund geschliffenen Basaltbrocken - allerhand Menschen anzieht. Den Steinen bleibt auch das letzte Bild vorbehalten: "Doch weder meteorologische noch seismologische Sensoren erfassten, dass die Tagfalter aufstoben, als sich auf den Basaltblöcken tiefe Haarrisse ausbreiteten."

So wie die Steine sich am Ende des Textes teilen, zeigte sich auch die Jury äußerst gespalten. Während Philipp Tingler "passagenweise fast ins Koma gefallen" ist und den Text "einfach lahm" fand, freute sich Michael Wiederstein über eine "Art literarische Schatzsuche". Auch Hubert Winkels, der den Autor eingeladen hat, lobte die Bruchstückhaftigkeit des Textes, die den Leser "auf die Frage zurückwirft, wieviel es braucht, um Realität herzustellen. Auch für Insa Wilke war es ein "ausgesprochen gewitzter Text", der sich um die Frage drehe, wie Geschichte entsteht. Nora Gomringer lobte die "gelungene Collage", eine "Stonehenge-Story", in der man sich frage, wie es weitergeht. Weniger angeregt zeigte sich Klaus Kastberger, für den das Zuhören "eine sehr fade und langweilige Sache" war. Brigitte Schwens-Harrant störte sich am Vortrag, der die unterschiedlichen Textformen nicht repräsentiert habe, lobte aber die "gut gearbeiteten Sätze".

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Blick auf das Public Viewing im Lendhafen Foto © ORF

Abschluss mit einem Lyriker

Der vor allem als Lyriker bekannte Levin Westermann beschloss den Lesereigen schließlich mit einer sprachlich näher am Gedicht denn an der Prosa angelehnten Text. Der 1980 im deutschen Meerbusch geborene und in der Schweiz lebende Autor widmet sich in "und dann" langen Tagen des Wartens auf einem Bauernhof: Während der mit Hüftproblemen kämpfende Erzähler lesend, zitierend und Briefe schreibend sehnsüchtig auf die Ankunft des Briefträgers hofft, beobachtet er Tiere sterben, das Klima sich wandeln und globale politische Verwerfungen - alles von seinem Rattansessel aus, alles im Fluss der Tageszeiten: "und dann / geht die sonne wieder unter / und dann / geht die sonne wieder auf", heißt es mehrmals im Text.

Erneut zeigte sich die Jury tief gespalten, wenn auch das Lob überwog. Sowohl Philipp Tingler als auch Michael Wiederstein zeigten sich wenig angetan. Tingler fühlte sich "in einem grotesken Sketch gefangen" und kritisierte sowohl "die Schablonen im Text" als auch dessen "moralische Kategorisierung und Verengung". Wiederstein sah im Erzähler einen "Bildungsbürger, der seinen Kanon ausbreitet". Die Redundanz im Text sei für ihn "Zeitverschwendung". Ganz anders sah das naturgemäß Hubert Winkels, der den Autor eingeladen hat. Er beschrieb den Text als einen "magischen Gesang, wo man keinen Inhalt verstehen muss". Gomringer, die vor allem "die liturgische Art der Rezitation" lobte, fühlte sich an Marlen Haushofers "Die Wand" erinnert, die hier "in eine poetische Prosa gegossen wurde". Kastberger krönte den Text "zum besten, den Hubert Winkels jemals eingeladen hat" und freute sich über die Gleichwertigkeit von wahrgenommenen Dingen und Literaturzitaten. Schwens-Harrant lobte die "Sprengung" der Gattung Prosa durch die lyrische Form des Textes. Auch Insa Wilke zeigte sich angetan vom "Widerspruch einer unglaublichen Strenge der Form und dem sensiblen Ich des Erzählers. Ganz großartig."

Morgen, Samstag, startet um 10 Uhr Lydia Haider mit ihrer vorab aufgezeichneten Lesung, mit Laura Freudenthaler folgt um 11 Uhr die zweite österreichische Teilnehmerin des Tages. Am Nachmittag beschließen Katja Schönherr und Meral Kureyshi das diesmal im digitalen Raum stattfindenden Wettlesen, die Preisvergabe folgt am Sonntag.

Kommentare (1)

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zweigerl
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1
Lesenswert?

Agonie der Literatur?

Das Bachmannwettlesen krankt wie immer an der Spannungsasymmetrie zwischen den gelesenen Texten, die man schon am Abend desselben Tages vollständig vergessen hat, und den an eitlen Selbstdarstellungsposen, gefinkelten Durchblicken und agonalen Streitlustanfällen überreichen Jurorendiskussionen. Unterm Strich freilich demonstriert der Bewerb, dass es die LIteratur heute schwer hat. Alles ist erzählt, Stilvolten kaum mehr möglich. So rettet man sich in die schiere Simplizität (Westermann). Kein Siegertext hat seit Hermann Burgers "Wasserfallfinsternis von Badgastein" (1984) begeisterte Leser gefunden.