Gratulation zum Österreichischen Krimipreis. Wie groß ist die Freude?
Herbert Dutzler: Sehr groß, aber mittlerweile habe ich mich an den Gedanken gewöhnt. Ich habe es ja schon Ende April erfahren, da lag ich gerade nach einer Augen-Operation im Krankenhaus und es ging mir gleich viel besser (lacht).

Der Krimipreis ging bisher unter anderem an Thomas Raab, Andreas Gruber, Alex Beer oder Ursula Poznanski – allesamt international sehr erfolgreiche Autoren. Warum ist der heimische Krimi seit Jahren so im Aufwind?
Ich denke, wir haben da viel Eva Rossmann zu verdanken. Sie hat uns gezeigt, dass man Krimis in Österreich ansiedeln kann und die Leute das dann auch wirklich gerne lesen, und zwar über die Grenzen hinweg.

Gleichzeitig gibt es einen Boom bei den „Regionalkrimis“ . . .
. . . ja, aber als ich im Jahr 2011 meinen ersten „Gasperlmaier“-Krimi geschrieben habe, war der Begriff „Regionalkrimi“ noch gar nicht richtig geprägt und ich muss zugeben: Ich mag ihn auch nicht wirklich. Jedes literarische Werk ist irgendwo angesiedelt und hat eine begrenzte Anzahl an Schauplätzen. Das kann irgendwo in New York sein oder eben wie bei Gasperlmaier in Altaussee.

In Ihrem neuen Krim, für den Sie den Krimipreis bekommen, geht es aber nicht nach Altaussee, sondern in den Kopf eines rechtsradikalen Mörders. Wie schwierig war es für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Jedenfalls nicht angenehm. Es gibt ja viele Menschen, die von Morden fantasieren. Ich wollte wissen: Wie kann es passieren, dass jemand tatsächlich ein Hassverbrechen begeht? Leo ist verbal ungeschickt, ihm fehlen immer wieder die richtigen Worte. Und gleichzeitig hat er einen extrem autoritären Vater. Ich habe als Lehrer solche Väter kennengelernt, die wie Dampfwalzen für ihre Kinder alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt haben, während die Kinder eingeschüchtert daneben gestanden sind und sich gefürchtet haben. So etwas prägt.

Leo ist Mitglied einer schlagenden Burschenschaft. Wie haben Sie da recherchiert?
Es gibt sehr viel Material im Internet, Interviews mit Burschenschaftern, aber auch Videos auf YouTube und dann natürlich die Homepages der Verbindungen. Da kriegt man ein gutes Bild davon, wie es da zugeht. Bei mir löst das ja eher Verwunderung aus: Wie man aus Unterwerfungsritualen ein Gefühl der Gemeinschaft ziehen kann, ist mir ein Rätsel.

Und wie geht es Ihnen mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft?
Auch das löst Verwunderung bei mir aus. Aber es mag damit zu tun haben, dass die scheinbare Sicherheit früherer Zeiten abhanden gekommen ist: Früher gab es die Kirche, die Orientierung geboten hat und zwei Großparteien. Und alle hatten das Gefühl, die kümmern sich um ihre Anhänger. Diese Sicherheiten sind längst zerbröselt, die Kirche ist vielen Menschen keine Heimat mehr und aus zwei großen sind mehrere kleine Parteien geworden. Es gibt keine richtigen Strukturen mehr und das löst Ängste aus. Dass die Weltlage damit viel zu tun hat, das glaube ich gar nicht – während des Kalten Kriegs hatten die Menschen ja auch genug Ängste auszustehen.

Aber nun werden diese Ängste in den sozialen Medien noch weiter angeheizt . . .
. . . ja, und das war schon für mich als Lehrer ein großes Problem. Ich habe ja bis letztes Schuljahr unterrichtet und im Bereich Medienerziehung versucht, den jungen Menschen beizubringen, dass es für die traditionellen Medien Kontrollmechanismen gibt. Die müssen aufpassen, was sie schreiben, denn der Österreichische Presserat kontrolliert die Einhaltung von journalistischen Standards und außerdem können die Gerichte eingeschaltet werden. Aber im Internet kann jeder etwas anonym behaupten. Die Jugendlichen müssen dringend lernen, den Unterschied zwischen kontrollierter und unkontrollierter Information zu erkennen. Ich weiß nicht, ob ich da immer erfolgreich als Lehrer war, aber ich hoffe, ich habe zumindest die Wichtigkeit des Themas vermitteln können.

Sie haben gerade beim Krimifest Tirol zahlreiche Kollegen getroffen, nun kommen Sie zum Krimifest Kärnten. Gibt es jemanden, den Sie besonders gerne lesen?
Ich muss zugeben: Ich lese fast nur englischsprachige Bücher. Das liegt auch daran, dass ich dazu neige, mir den Schreibstil der Kollegen anzueignen und plötzlich wie Wolf Haas zu schreiben, wenn ich Wolf Haas lese. Und das erspare ich ihm dann doch lieber (lacht).

Gerade ist die dritte Gasperlmaier-Verfilmung im ORF gelaufen, Johannes Silberschneider hat die Rolle von Cornelius Obonya übernommen. Sind Sie zufrieden mit der neuen Besetzung?
Der Verlag und ich führten schon vor Jahren Gespräche mit Produktionsfirmen über mögliche Verfilmungen meiner Romane. Damals wurde ich gefragt, wen ich mir als Gasperlmaier vorstellen könnte, und ich habe schon damals Johannes Silberschneider genannt, weil ich mir Gasperlmaier genau so vorgestellt habe: dunkel, schmal, etwas in sich gekehrt. Ich durfte Johannes Silberschneider bereits kennenlernen und bin von ihm darstellerisch wie menschlich begeistert. Ich finde aber, dass auch Obonya die Rolle perfekt dargestellt hat – ein Könner wie er kann einfach alles glaubwürdig spielen, und es war auch nicht seine erste Rolle als Dorfpolizist.