Anhand der Geschichte zweier gegensätzlicher Brüder zeichnet Wolfgang Böhm ein buntes, lebendiges Porträt der 20er- und 30-Jahre in Wien. Dass der Autor in seinem Hauptberuf Journalist ist, wirkt sich wohltuend auf diesen literarisch wie sachlich souveränen Text aus, dessen zeithistorischer Rahmen exzellent recherchiert ist:

Es ist das Wien nach dem Ersten Weltkrieg, in das Viktor, der einstige Soldat, zurückkehrt und in dem er bald eine Existenz als Lehrer und Familienvater aufbaut. Hans, der Jüngere, ist im Gegensatz zu dem gewissenhaften Bruder ein Bonvivant und Künstler. Er entwirft und baut Lampen, verehrt seinen Professor Josef Hoffmann und interessiert sich absolut nicht für Politik.

Ständig in Geldnot, agiert er oft am Rande zur Illegalität, die Skrupel seines Bruders kosten ihn nur ein Schulterzucken.
Leichtigkeit und Lebenslust kennzeichnen die Zeit, in der Hans von der Wiener Werkstätte zum Bauhaus in Weimar wechselt. Wie nebenbei begegnen dem Leser, der Leserin Namen wie Walter Gropius, Adolf Loos, Margarethe Lihotzky, man erlebt Wiener Kaffeehauskultur und das Aufkommen des Jazz in den Bars mit. Aber auch Geldentwertung, Arbeitslosigkeit und das Erstarken des Nationalsozialismus prägen immer stärker jene Jahre.

Hans, der Designer und Lebemann, gestaltet das Café Prückel neu, heiratet, wird Vater und verschwindet später wieder. Seine Tochter Marie, erfährt man, wird einmal die Mutter des Autors sein: „Du hast die Pläne gesehen, seine Träume und Ideen, die er auf Papier brachte. Sie waren immer ein Bruch mit der Vergangenheit. Hans hat nur eine Richtung gekannt – die nach vorne. Das Traditionelle, das Zurück war ihm ein Gräuel.“

Buchtipp: Wolfgang Böhm. Zwischen Brüdern. Picus Verlag,
272 Seiten, 24 Euro.

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