Ungemütliche Essays über das Kinderkriegen und das Zerbersten einer Ehe, ihrer eigenen, haben der kanadischen Schriftstellerin Rachel Cusk viele Leserinnen und Leser und ebenso viele Feinde eingebracht – erstaunlicherweise vor allem Feindinnen. Intellektuelle und sprachliche Schärfe und schonungslose Offenheit zeichnen auch ihre Essays im Band „Coventry“ aus, doch immer wieder hinterfragt Cusk auch ihre eigenen Standpunkte: „Aber vielleicht ist alles anders.“ Der Anspruch dieser radikal denkenden und fühlenden Autorin: „In den meisten Fällen erlaube ich der Wahrheit, sich selbst zu finden.“

Es sind vermeintliche Alltagsprobleme, die Cusk diesmal seziert, die jedoch weit über das Alltäglich-Banale hinausgehen. In „Autofahren als Metapher“ etwa entlarvt die Autorin erstaunliche Transformationen: „Die persönliche Wirklichkeit des Menschen am Steuer ist nicht zu erschüttern, nicht einmal durch den eigenen Verstand.“

Im Kapitel „Über Unhöflichkeit“ stellt Cusk die Frage: „Verhalten Menschen sich unhöflich, weil sie unglücklich sind?“ – Und sind wir deshalb den Rüpeln gegenüber zu mehr Taktgefühl verpflichtet, auch wenn sie es selbst vermissen lassen?

Eine peinvolle Familienaufstellung unternimmt Rachel Cusk im titelgebenden Essay „Coventry“. „To send someone to Coventry“ ist im Englischen eine Redewendung dafür, jemanden links liegen zu lassen. Coventry ist eine mittelenglische Stadt, die während des Zweiten Weltkriegs völlig zerbombt wurde. Die eigenen Eltern sind es, die die Tochter mit brutaler Selbstverständlichkeit dorthin schicken. Doch Cusk verwandelt den Schmerz in Freiheit, und am Ende fühlt sie sich wohl: in Coventry.

Buchtipp: Rachel Cusk. Coventry. Bibliothek Suhrkamp,
160 Seiten, 21,60 Euro. 

© KK