Drei Kunstgriffe sind es, die in dieser Intensität, Ausstrahlungskraft und Soghaftigkeit derzeit nur Olga Tokarczuk so perfekt und virtuos beherrscht. Sie angelt sich erstens einen der ältesten Mythen der Menschheit, jenen rund um die sumerische Göttin Inanna, und formt daraus eigene Mythen. Zweitens hebt sie die Zeit völlig aus den Angeln. Ihr Roman „Anna In“ ist einst, jetzt und immer angesiedelt. Drittens lädt sie zu einer magischen Mystery-Tour in insgesamt 22 an Allegorien reichen Etappen. Nicht mit Alice, sondern mit Olga geht es ins Wunder- und Unterland und hin zu Versionen des Jüngsten Gerichts.

Inanna, die sich bei Olga Tokarczuk in Anna In verwandelt, wird von ihrer Zwillingsschwester in die Unterwelt gerufen; es sei dringend. Der Abstieg ins Totenreich, das unter einer futuristischen Stadt angesiedelt ist, erfolgt bequem mit dem Lift. Für Anna In ist es eine Reise ohne Wiederkehr, vorerst. Groteske Geschworene verurteilen sie zum Tode.

Literarischer Zeichentrick

Die Geschichte der Sumerer und somit auch dieser Mythos wurden erst ab dem Jahr 1889 bei Ausgrabungsarbeiten im Wüstensand entdeckt, auf Tontafeln, mit Keilschrift beschrieben. Aber dieser Abstieg in die Welt der Toten tauchte danach in diversen Mythologien, angeführt vom Hades, immer wieder auf.
Die polnische Literaturnobelpreisträgerin wollte daraus eine völlig eigenständige, zum Teil nahe an der Gegenwart angesiedelte Geschichte schaffen.

Dies ist ihr – siehe oben – auf fantastische, zum Teil sehr ironische Weise geglückt. Als Form schwebte ihr ein „literarischer Zeichentrick“ vor, realisiert durch eine bildreiche und plastische Sprache, die sich beim Abstieg in die Katakomben in ein stattliches Horrorszenario verwandelt.

Andere Passagen sind beinahe surreal. Die Beschreibung des Stadtlebens zählt dazu, die Tatsache, dass die Menschen ihre Gedanken vor sich hertragen wie Comicblasen, vor allem aber ist der Inanna-Mythos für die Autorin ein „Urreservoir an Weltwissen“, verpackt in ein märchenartiges Panoptikum.

„Anna In“ ist eine Zeitreise, vielschichtig, kühn, atemberaubend und so anspielungsreich, dass man sie ohnehin sofort wieder antritt, zu reichhaltig sind all die Details dieser genialen Parabel.

Buchtipp: Olga Tokarczuk. Anna In. Kampa. 192 Seiten, 22,60 Euro.

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