Er hat geliebt, gespielt, geträumt, gekämpft, gelebt und ist gestorben. Auf Tausenden Seiten. Und die Hauptfigur in Karl Ove Knausgårds monumentalem Romanzyklus trug immer einen Namen: Karl Ove Knausgård. Das war faszinierend, hat dem Norweger Kultstatus und literarischen Weltruhm eingebracht; die Egomanie, der exzessive Kampf mit sich selbst, war auf Dauer aber auch ermüdend und trug den Makel der Selbstüberhöhung in sich.

In seinem neuen Roman „Der Morgenstern“ ist (fast) alles anders. Das typische Knausgård-Setting ist zwar gleich geblieben: Allerweltsprobleme, Alltagshandlungen – und dazwischen hochphilosophische Gespräche. Neu ist, dass das große Ich-bin-ich das „wir“ entdeckt hat. Die Selbst-Umkreisung hat der – natürlich wieder sehr ausführlichen – Umrundung einer Gruppe von neun sehr unterschiedlichen Menschen Platz gemacht. Da gibt es etwa den Literaturprofessor Arne, der an der Flasche und an seiner „ver-rückten“ Frau hängt; die Pfarrerin Kathrin, die ihrem Mann eine Hiobsbotschaft verkündet; die gescheiterte Musikerin Iselin, die im Burger-Laden dem „Herrgott“ begegnet. Was sie alle verbindet: Unbehaust sind diese Menschen, mit sich selbst und der Welt im Unreinen, aber unfähig zur Veränderung.

Die Unruhe von innen ist eingebettet in eine diffuse Bedrohung von außen. Krabben verlassen das Meer und überfluten das Land, Ratten tauchen in Fußgängerzonen auf, und alle neun Knausgård-Figuren sehen einen neuen Stern am Himmel leuchten. Das Böse, das Ende oder überfälliges Zeichen für einen Neubeginn? Mensch und Natur sind aus dem Gleichgewicht – und das Gewicht der Welt ist erdrückend.

Knausgård erzählt von den Gräben und Verwerfungen zwischen der Welt und den Wesen darauf. Aber er schildert auch voll kraftvoller Empathie die große Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft. Dadurch, dass er seine egomanischen Schübe weggeschrieben hat, erfuhr dieser Roman eine Schubumkehr, die zum Glück nicht zum Absturz führte. Ganz im Gegenteil: „Der Morgenstern“ spiegelt punktgenau die Befindlichkeiten unserer Zeit wider. Die Rast- und Ratlosigkeit, die Aggression und Agonie, aber auch den Willen, dem Wanken standzuhalten. Das nunmehr kleine Ich-bin-ich hat einen großen Roman geschrieben.

Buchtipp. Karl Ove Knausgård. Der Morgenstern.
Luchterhand, 891 Seiten, 28,90 Euro.

© KK