Nicole Seifert wagte ein Experiment: Drei Jahre las sie ausschließlich Literatur von Frauen. Ihre Erkenntnis: "Frauen dürfen wohl über die ihnen zugewiesenen Themen sprechen – das, was der deutsche Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder später 'Gedöns' nannte –, aber nicht über Politisches." Seiferts Kritik: Autorinnen bleiben historisch unsichtbar, fehlen im literarischen Kanon oder kämpfen um Gleichberechtigung im Feuilleton.

Wir sprechen anlässlich des Weltfrauentags: Müssten Sie diesen Tag einem Genre zuweisen, welches wäre das?
NICOLE SEIFERT: (lacht). Das wäre im kommerzielleren Bereich. Bedauerlich ist, was an diesem Tag am meisten auffällt: Dinge wie Rosen, Make-up und Unterwäsche. Weniger die Rechte und die Politik.

Sie schreiben über die Abwertung der Frau im Literaturbetrieb. Was stand am Anfang ihrer Recherche?
Die Ahnung, dass die Werke von Autorinnen und Autoren ungleich behandelt werden. Zeitgleich sind Studien erschienen, die all diese Dinge quantitativ belegt haben. Mir fehlten aber die Zusammenhänge: Wo kommt das her? Und was bedeutet es letztlich? 2018 habe ich meinen Literaturblog gestartet. Dort habe ich angefangen, genauer hinzusehen, wer in den Feuilletons wie besprochen wird.

Welche Erkenntnisse waren für Sie besonders überraschend?
Literatur von Frauen fällt immer hinten runter – zuerst in der Schule, später in der Uni und dann im Kanon. Als Literaturwissenschaftlerin war mir nicht klar, dass Autorinnen seitdem sie schreiben, und das tun sie genauso lange wie Männer, eigene Traditionen und Themen haben: Flucht, das Gefangensein, fehlende Teilhabe am öffentlichen Leben. Es ging also letztlich auch immer um das Leben der Frauen im Patriarchat. Spannend ist: Diese Geschichten sind nicht immer düster oder bitter, sondern teilweise auch sehr lustig. Etwa, wenn man Geschlechterstereotype umdreht. Das kann sehr erhellend sein und raffiniert gemacht. Das ist das eine.

Und das andere?
Mich hat umgehauen, wie viel Frauenverachtung in der gegenwärtigen Literaturkritik noch zu finden ist. Teilweise auf einer sehr systematischen Ebene. Für das Buch habe ich mir einige Verrisse sehr genau angesehen, also: Wie männliche Kritiker die Werke von Autorinnen verreißen. Diese Texte sind wie nach Schema F geschrieben: dieselben Abwertungen, dieselben Begriffe.

Banal, kitschig, trivial?
"Kitsch" kommt wahnsinnig oft vor. Besonders scharf werden jene Autorinnen angegangen, die viel Erfolg hatten: Judith Hermann oder Karen Köhler zum Beispiel. Mit ihren Erzählungsbänden sehr erfolgreich und vom Feuilleton gefeiert, kam irgendwann der erste Roman. In beiden Fällen machten etliche Kritiker mit einer Schärfe deutlich: Ihr gehört nicht hierher. Die Themen: uninteressant, ja, nahezu absurd. Das ästhetische Verfahren wird nicht ernst genommen – und dann wird es persönlich.

Eine Frau jenseits der Mitte 30 mit zig Publikationen in der Tasche wird nach wie vor „Jungautorin“ genannt. Problematisch?
So etwas kann Teil der Abwertung sein. Gleichzeitig hat die Verlegerin Christiane Frohmann vom Jungfräulichkeitswahn des Literaturbetriebs gesprochen. Debütantinnen sind in vielfacher Hinsicht interessant. Zumindest, solange sie junge und attraktive Frauen sind. Ältere Kolleginnen berichten hingegen über abnehmende Sichtbarkeit im zunehmenden Alter. Hin und wieder tritt eine Grande Dame auf und bekommt Preise für ihr Lebenswerk. Dazwischen gibt es wenig.

Gibt es im Literaturbetrieb seit dem #MeToo eine neue Aufmerksamkeit für Sexismus oder das herrschende Ungleichgewicht?
Autorinnen haben sich immer schon gegenseitig vor bestimmten Männern gewarnt. Was auf Seite der Männer neu ist: Aussagen wie "Dass keine Frau in diesem Programm vorkommt, geht nicht mehr". Aber das Warum haben längst nicht alle verstanden. Oft heißt es immer noch: Wenn die Bücher von Männern nun einmal besser sind, lade ich keine Frauen ein, da lasse ich mir nicht reinreden.

Womit, hoffen Sie, muss sich die nächste Generation an Autorinnen nicht mehr herumschlagen?
Bestimmte Entwicklungen lassen sich nicht mehr aufhalten. Junge Frauen wachsen mit einem anderen Selbstverständnis auf und lassen sich nicht mehr so leicht die Butter vom Brot nehmen. Aber: Die Geschichte lehrt uns, dass alles fragil ist. Wir machen immer einen Schritt vor und zwei zurück. Zu denken, es wäre geschafft, war bisher immer ein Fehler.

Nicole Seifert. Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
Nicole Seifert. Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt
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