85. GeburtstagEngelbert Obernosterer: Von Altersmilde keine Spur

Der Schriftsteller Engelbert Obernosterer wird heute 85 Jahre alt. Auch in seinem neuen Werk reibt er sich wieder kraftvoll an seiner Kärntner Heimat. Doch der Furor in Worten resultiert auch aus einer tiefen Verwurzelung. Wir bringen Auszüge aus dem Buch "Ein Herr im Versuch, seiner Herr zu werden".

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Engelbert Obernosterer © elisabeth peutz
 

Au! Die Bandscheiben! Dazu die vor den Augen sich drehenden Gegenstände. Als sie sich beruhigen, zwei vorsichtige Tapper gegen den Stuhl mit den über die Lehne geworfenen Kleidungsstücken. Das ist bei Gott kein Morgen, das sind in allen Gelenken knarrend in Gang geratene Zwangsläufigkeiten, ausgeleierte. Noch keineswegs Herr der Sinne, schlurfe „ich“ mit kurzen tappenden Schritten durchs Vorhaus. Vor der Küchentür noch einen Blick zur Seite, in den Spiegel. Hm.
 
Warum ich so ungern aus dem Haus gehe? Draußen beginnt das Andere, das mich über kurz oder lang absorbieren wird. Über die unbekannten, überwiegend widrigen Außenverhältnisse hinaus haftet dem Hinausgehen der Beigeschmack von Wegmüssen und Verlorengehen an. Sobald ich jedoch draußen stehe, auf allerlei Unbilden gefasst, bemerke ich, dass das Draußen sich gar nicht so wie befürchtet anfühlt, ja sogar erfrischend wirkt es und geht bald in Normalität auf.

Die meiste Zeit über fühle ich mich meinem Alter entsprechend ruhebedürftig; das Schreiben quält mich mehr, als es mir Lichtblicke beschert. Ich werde es aufgeben, es wird allmählich Zeit dafür. Von mir aus könnte auch der Stoffwechsel es gut sein lassen.

Der Vulgoname des ehemaligen Bauernhauses, in dem ich bereits über zwanzig Jahre wohne, heißt „Beim Käfer“. Er leitet sich ab von Küfer, was Kufenmacher bedeutet. In launigen Briefen unterschreibe ich manchmal mit der alte Käfer, wobei ich gern weiterfabulieren möchte, ob es sich um einen Gold-, Borken-, Mai- oder Mistkäfer handelt oder gar um den von Kafka beschriebenen. Das alles hat zwar nichts mit mir zu tun, aber hat denn mein Taufname etwas mit mir zu tun? Meinen wahren Namen kenne ich selber nicht, einfach, weil es ihn nicht gibt.

All das Liebe, wie es mich derzeit in Form lieber Redensarten, lieber Kleider und Frisuren, lieber Geburtstagswünsche, lieblicher Gärten und dergleichen umgibt: Ich traue ihm nicht über den Weg. Vermutlich, weil ich ohne das betont Liebe aufgewachsen bin. Mutter war früh gestorben. Vater versuchte, den sieben Kindern gegenüber das zu tun, was unter Nachkriegsverhältnissen in einem frauenlosen Haushalt möglich war. Dabei äußerte sich seine Väterlichkeit nicht in wohlklingenden Worten, sondern in der Besorgung des Notwendigen.

Ich war noch nicht zwei Jahre alt, als meine Mutter bei der Geburt des nächsten Kindes, eines Mädchens, zugleich mit diesem starb. Vater und die älteren Geschwister, selber schwer vom Verlust getroffen, waren so sehr mit Haus- und Feldarbeit, Vieh und Holz befasst, dass sie für den vor sich hin plärrenden Kleinsten keine Zeit hatten und mich einer Frau aus der Nachbargemeinde zur Betreuung übergaben. Die hatte in ihrem armseligen Häuschen bereits ein halbes Dutzend anderer Halbwaisen in ihrer Obhut. Dort dürfte so mancher Schreihals so lange ins Leere geplärrt haben, bis er erschöpft verstummte und einsah, dass die Hoffnung auf Zuwendung, Hilfe, Schutz und Gerechtigkeit, Geborgenheit und Liebe aussichtslos war. Vermutlich musste auch ich mir damals derlei Erwartungen gründlich aus dem Kopf schlagen. Einzig das Vegetative überlebte.

Vollkommenheit ist umso eher zu erreichen, je kleiner der jeweilige Wirkungskreis ist. Eine der Frauen, die Garten und Haus, Kleider und Verhalten vollkommen unter Kontrolle gebracht hat, ist mir heute auf dem Waldweg entgegengekommen, an ihrer Seite das obligate Zubehör eines Ehemannes, der sie an schönen Sonntagen nachmittags auf dem Spaziergang zu begleiten hat, so dass über die Ordnung des Sonntags hinaus auch das Harmonische der Ehe und das Schöne eines Waldspazierganges hinzukommen. Während des Grußes tritt ein von Zufriedenheit geprägtes Lächeln in ihrem leutseligen Gesicht zutage. Klar, sie hat von niemandem etwas zu befürchten, nichts auszusetzen ist auch an ihrem Mann. Die sonntäglichen Nachmittagsspaziergänge der Ehepaare, die in erster Linie als Verdauungsspaziergänge
gedacht sind, dienen darüber hinaus der öffentlichen Darlegung der familiären Eintracht.

Bevor Zahl und Buchstabe ihren Siegeszug in die entlegenen Alpentäler angetreten haben, waren Frauen in ihr Los als aufopferungsbereite Mütter ergeben. Ihre Kräfte verzehrten sie im Dienste der Weitergabe des Lebens; Wünsche und Interessen ihres Einzelfalles stellten sie hintan, die mochten dereinst in ihren Leibesfrüchten unter günstigeren Ausgangsbedingungen zu Entfaltung und Freiheit gelangen. Auf diese Perspektive bezogen, waren ihre vorratsreichen Körper schön. Zwar wurden sie aus den Bereichen des Eitlen und vordergründig Gefälligen vertrieben, dafür aber bildeten sie starke Glieder in der Kette des Lebens.

Hatten die ersten Siedler des Tales sich mit Holz und Stein, Erdreich, Mist und Getier aller Art herumschlagen müssen, so wendete sich im vorigen Jahrhundert das Blatt dank der technischen und digitalen Errungenschaften zu ihren Gunsten. Die Gewitzten unter den ehemaligen Agrariern, und ihrer waren nicht wenige, wuschen sich nunmehr die Hände, zogen weiße Hemden über ihre knolligen Bauernleiber und erlernten es, mit der Null und der Eins so umzugehen, dass sich die Plackereien von früher erübrigten.

In den kultivierten Häusern werden die Weihnachtskekse in den letzten Jahren kleiner und dünner, fast durchsichtig einige, man kann durch sie hindurch in die Denkart der Gastgeber blicken. Vor allem nicht schwer sollen sie machen, lediglich Zeichen sollen sie sein, denen nicht mehr an Materie aufgeladen wird, als zum Aufkommen der weihnachtlichen Stimmung nötig ist.

Wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen Besserwisserei, persönliche Vorbehalte, juristische Einwände, Prinzipielles, berechtigte und weniger berechtigte Ängste eine Entscheidung unmöglich machen? Weil das eine Argument das andere abschwächt oder gar außer Kraft setzt, bleibt die Realisierung eines notwendigen Vorhabens immer öfter im Diskurs stecken.

Zur Person

Engelbert Obernosterer, geb. am 28. Dezember 1936 in Sankt
Lorenzen im Lesachtal. Er besuchte das Internatsgymnasium Tanzenberg bei Klagenfurt. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien arbeitete er als Volks- und Hauptschullehrer, ab 1975 AHS-Kunsterzieher in Hermagor im Gailtal. Ebenfalls 1975 erschien sein kritischer Heimatroman „Ortsbestimmung“. Seither zahlreiche Publikationen, u. a. „Mythos Lesachtal“, „Vom Ende der Steinhocker“, „Zwischendinge“.

Buchtipp: Versuche eines Herrn, seiner Herr zu werden. Wieser,
157 Seiten, 20 Euro.

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