Feministische IkoneSimone de Beauvoir: Vom langsamen Sterben am Frau-Sein

Spannende Autofiktion aus dem Nachlass von Simone de Beauvoir. Roman einer Freundschaft.

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Ikone des Feminismus: Simone de Beauvoir
Ikone des Feminismus: Simone de Beauvoir © KK
 

Beide waren höhere Pariser Töchter, beide wurden zum Teil „militant katholisch“ erzogen, aber nur eine konnte sich aus den für Mädchen in den 1920er-Jahren vorgezeichneten Rollen befreien. Wer sich an Simone des Beauvoirs „Memoiren einer Tochter aus gutem Haus“ erinnert fühlt, liegt richtig: Auch im ersten Teil der Autobiografie von Frankreichs Parade-Intellektueller findet sich die Geschichte ihrer Schul- und Jugendfreundschaft mit dem Mädchen Zaza, detto im Erzählband „Marcelle, Chantal, Lisa“.

35 Jahre nach dem Tod der Autorin und fast 70 Jahre nach der Entstehung des Textes wurde nun von de Beauvoirs Adoptivtochter Sylvie Le Bon de Beauvoir der autofiktionale Roman „Die Unzertrennlichen“ aus dem Nachlass veröffentlicht. Ein Vorwort der Herausgeberin und ein interessanter Anhang mit Originalbriefen und -fotos machen den schmalen Band zu einer bibliophilen Kostbarkeit, die den großen Werken der Vielschreiberin („Die Mandarins von Paris“, „Das andere Geschlecht“, „Sie kam und blieb“) in jeder Bibliothek zur Seite gestellt werden sollte.

Die Freundschaft zu Zaza, deren literarische Verkörperung Andrée heißt, ist für Simone/Sylvie zweifellos deren feministische Initiation: Die talentierte, lebenshungrige Freundin wird zwischen Liebe und Gehorsam zur Mutter und dem Drang zur Selbstbestimmung hin- und hergerissen.

Das Leben zwischen katholischer Mädchenschule, Wohltätigkeitsbasaren, Hochzeiten und Beerdigungen reicht ihr nicht, und als Andrée eine Verlobung verwehrt wird, steigert sich ihre Bitterkeit bis zur Selbstbeschädigung. „In unseren Kreisen kommen Hochzeiten nicht auf diese Weise zustande (...). Eine Liebesheirat ist suspekt.“ Bald schläft und isst sie nicht mehr, hackt sich bewusst mit einer Axt in den Fuß, um ein wenig Ruhe zu finden. Mit 21 stirbt sie schließlich an einer Hirnentzündung.

Erzählt wird die Geschichte in nüchterner Sprache, dennoch emotional dicht, die beiden jungen Frauen siezen einander. „Sie können zu etwas dienen, ohne zu heiraten“, beneidet Andrée verzagt die aus einer verarmten Familie stammende Sylvie um ihre Freiheit. Und formuliert so den Anstoß zu de Beauvoirs Feminismus.

Buchtipp:
Simone de Beauvoir. Die Unzertrennlichen.
Rowohlt, 166 Seiten, 22,70 Euro.

KK
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