Die Tagebücher der Patricia HighsmithTänze am Rande des Abgrunds

Die „Tage- und Notizbücher“ von Patricia Highsmith, als Weltsensation bejubelt, sind berührende Belege einer oft verzweifelten Suche nach innerem Halt.

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Die Königin der Kriminal-Literatur: Patricia Highsmith
Die Königin der Kriminal-Literatur: Patricia Highsmith © (c) imago images/Leemage
 

Sie galt als misanthropisch, rassistisch, antisemitisch, sie war homosexuell, depressiv und alkoholkrank – trotzdem zählt Patricia Highsmith zu den wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die Psychothriller durch all ihre Doppelbödigkeit und durch den sprachlichen Feinschliff salonfähig machte. Anscheinend mühelos führte sie ihrer Leserschaft mit ihrem hochsympathischen, aber eiskalt mordenden Mister Ripley vor Augen, wie rasch moralische Werte verschwinden können. So zwiespältig wie diese Romane, verlief auch das Leben von Highsmith.

Kurz nach dem Tod der Autorin im Jahr 1995 fand ihre Lektorin Anna von Planta bestens versteckt in einem Wäscheschrank insgesamt 56 Notiz- und Tagebücher. Gebündelt zu einem knapp 1400 Seiten umfassenden, an Bekenntnissen reichen Werk. Von einem skandalreichen Kompendium ist diese Sammlung allerdings meilenweit entfernt. Das mag auch daran liegen, dass „Pat“, wie Highsmith in ihrem Freundinnen- und Freundeskreis gerne genannt wurde, schon 1954 beschloss, ihre Tagebucheintragungen weitgehend einzuschränken.

Zur Person

Patricia Highsmith, geboren am 19. Jänner 1921 in Fort Worth, Texas, gestorben am 4. Februar 1995 in
Locarno, Schweiz. Sie verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Europa.

Von diesem Zeitpunkt an sind es vorwiegend die Notizen, die Rückschlüsse zulassen auf die Denkweisen einer Autorin, die häufig mehrere Leben zugleich führte, die immer wieder bemüht war, Halt zu finden in einem Dasein, das näher und näher zu Abstürzen führte.

Aber Patricia Highsmith war stets für gute und böse Überraschungen zu haben. In einem Großteil dieser Eintragungen zeigt sie sich enorm lebensbejahend, glücklich, verliebt – und zuweilen sehr einsam. „Sehr deprimiert – den Tränen nahe. Ohne Arbeit habe ich keinen Felsen, keine Rettung“, notiert sie im November 1952.

Es sind vor allem die inneren Kämpfe, die emotionalen Schwankungen, die mitunter fast aphoristischen Kommentare, die Selbstironie, die tiefe Einblicke geben in ein Künstlerleben, das nicht selten auch einem Tanz am Abgrund glich.

„Die traurige Wahrheit ist, dass die Kunst manchmal im Unglück am besten gedeiht“, schreibt sie im Juni 1954. Gut möglich, dass sie dieses Unglück in ihren späteren Lebensjahren geradezu suchte oder provozierte. Aber wie endet doch Patricia Highsmiths letzter vollendeter Roman im Jahr 1992, „Small g – eine Sommeridylle“? Das Buch ist beinahe märchenhaft, das letzte Wort lautet: „glücklich“.

Buchtipp. Patricia Highsmith. Tage- und Notizbücher. Diogenes,
1376 Seiten, 32,90 Euro.

KK
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