Zum Tod von Charlie WattsDer letzte Takt ist geschlagen

Mit Charlie Watts ist mehr als der Schlagzeuger der Rolling Stones gestorben, die Band hat mit ihm einen wichtigen Strang ihrer DNA verloren. Ein tragischer, aber guter Zeitpunkt, um von der Bühne abzutreten.

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Charlie Watts starb am Dienstag im Alter von 80 Jahren
Charlie Watts starb am Dienstag im Alter von 80 Jahren © (c) imago images / MediaPunch
 

Nur einmal gehörte ihm ein ganzes Album-Cover. Auf „Get Yer Ya-Ya’s Out“, dem Livealbum der Rolling Stones aus dem Jahr 1970, ist nur Charlie Watts abgebildet. Neben einem Esel, der mit Trommeln und Gitarre beladen ist, vollführt er – ebenfalls mit Gitarren in den Händen – einen gauklerischen Luftsprung. Den Hut, den er trägt, hat er sich von Mick Jagger ausgeborgt. Die anderen Bandmitglieder sind nirgendwo zu sehen, die Bühne gehört Watts allein – eine Seltenheit.

Dadurch, dass sie zwar eine enorm wichtige Rolle spielen, aber naturgemäß immer im Hintergrund stehen beziehungsweise sitzen, drängen Schlagzeuger gerne auf andere Weise in den Vordergrund und betteln förmlich um Aufmerksamkeit. Keith Moon von The Who gab den exaltierten Madman, Ringo Starr von den Beatles den Pausenclown, der noch dazu glaubte, sich immer wieder auch als Sänger beweisen zu müssen.

All das hat Charlie Watts nie getan und auch nicht nötig. Er wusste, wo sein Platz war. Aber obwohl er bühnentechnisch gesehen nie im Zentrum stand, war er Mittelpunkt, Kraftzentrum und Ankerplatz der berühmtesten Rockband der Welt, der die Schräglagen der Gruppe durch seine natürliche Präsenz und Autorität immer wieder ausbalancierte. Am Dienstag dieser Woche ist Charlie Watts im Alter von 80 Jahren gestorben.

Damit hat die Band nicht nur ihren Schlagzeuger verloren, sondern einen wichtigen Strang ihrer DNA. Wie es jetzt weitergeht, ist unklar. Die bereits angesetzte US-Tour wird durchgezogen, Steve Jordan springt ein. Aber dann? Rockmusik ist in ihren besten Momenten der Schlaf der Vernunft. Aber Jagger, Richards & Co. wären jetzt gut beraten, die Vernunft aufzuwecken und mit ihrem Freund und Bandkollegen auch die Gruppe Rolling Stones zu Grabe zu tragen.

Warum? Weil es der richtige Zeitpunkt ist und das Verpassen davon dorthin führt, wo man als Zuhörer und Zuschauer nicht Zeuge sein möchte – in die Abteilung Rollator-Rock. Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern ein realistischer Blick in die Zukunft. Mick Jagger ist 78 Jahre alt, Keith Richards einige Monate jünger, also 77. Ron Wood ist mit 74 der Jüngling der Band, aber nach einer Krebserkrankung auch nicht der Gesündeste. Jagger ist offensichtlich noch fit wie der sprichwörtliche Turnschuh, und was den unverwüstlichen Keith Richards betrifft, gilt wohl noch immer das zünftige Bonmot, dass vermutlich nur er und Kakerlaken einen Atomkrieg überstehen würden.

Dennoch. Time Is on My Side. Nein, ist sie nicht. Es macht einen Unterschied, ob etwa ein Bob Dylan, in diesem Jahr 80 geworden, zwar noch immer bewegende, aber nahezu unbewegliche Auftritte absolviert oder ob sich Herrn im fortgeschrittenen Pensionistenalter als wilde Buben auf der Bühne austoben. Forever Young? Nein, sind sie nicht.
Müssen sie auch gar nicht sein. Was die Rolling Stones geschafft haben, ist in der Geschichte der Populärmusik einzigartig und wohl unwiederholbar. Gegründet 1962, waren sie, gemeinsam mit den Beatles, die Speerspitze der British Invasion. Ihre Musik, ihre Haltung, ihre Kleidung haben Generationen geprägt, beflügelt und befreit.

Dann mit „Beggars Banquet“, „Let It Bleed“, „Sticky Fingers“ und „Exile on Main Street“ vier bahnbrechende Alben, die bis heute Gültigkeit haben. Aber streng genommen haben die Stones seit damals, also seit den 1970er-Jahren, kein Album mehr aufgenommen, das von Relevanz war.

Jagger, Richards & Co. haben diese Leerstelle genial ausgefüllt. Sie haben ihre bisherigen Großtaten – und davon gibt es zahlreiche – konserviert, touren seit Jahrzehnten als Museum in eigener Sache durch die Weltgeschichte und halten solcherart einen Mythos aufrecht, der sich ausschließlich aus der Vergangenheit nährt. Damit war beiden gedient: den Spielenden oben auf der Bühne und den Bespielten unten auf den Wiesen und in den Arenen.

Die Stones konnten weiterhin den Zauber der Massen und die Macht darüber genießen. Und das Publikum durfte – in immer vulnerableren Zeiten – weiter an die Unzerstörbarkeit und Unverletzbarkeit von Rockmusik glauben. All das ist jetzt vorbei, weil Charlie Watts nicht mehr da ist. Sein Tod war zwar nicht der Tag, an dem die Musik starb; aber jener, an dem die Stones aufhörten, eine Band zu sein.

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