Jazzfestival SaalfeldenDer Nino und der Jazz

Bei seiner Live-Rückkehr zeigt sich das Jazzfestival Saalfelden länger und europäischer denn je. Und Intendant Mario Steidl will kein UFO inmitten der Berge.

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Seit 17 Jahren für das Programm in Saalfelden verantwortlich: Mario Steidl
Seit 17 Jahren für das Programm in Saalfelden verantwortlich: Mario Steidl © Heinz Bayer
 

Wie viele Konzerte über wie viele Tage verträgt das Jazzfestival Saalfelden noch? Wo sind die Grenzen?
Mario Steidl: Die Grenzen waren 2019 mit 90 Konzerten erreicht, mehr wird es sicher nicht mehr. Und auch der Zeitraum von einer Woche wird nicht verlängert.


40 der mehr als 60 Konzerte sind heuer gratis. Zielt man damit auf die Jugend oder die Touristen?
Wir zielen damit darauf ab, ein neues Publikum für den Jazz zu erschließen. Wenn ein junger Mensch sich den Nino aus Wien ansieht, dann besucht er eben auch einmal ein Jazzkonzert in der Industriehalle und merkt vielleicht, dass er ein falsches Bild von dieser Musik im Kopf hatte. Mit Eintritt erreiche ich diese Menschen in einer Zeit, in der Musik überall kostenlos zur Verfügung steht, nicht.


Programm und Bühnenauswahl lassen heuer so etwas wie ein Zweitypen-Publikum erwarten. Hier das bezahlende Indoor-Jazzpublikum, dort das Pop- und Worldmusic-Publikum bei Gratiskonzerten im Freien. Welche Strategie steckt da dahinter?
Es geht mir um kulturelle Teilhabe des regionalen Publikums. Es geht nicht, dass ein Festival wie ein UFO in einer Kleinstadt inmitten der Berge landet und das Ganze nur für ein exklusives Publikum stattfindet. Wir brauchen eine breitere Akzeptanz in der regionalen Bevölkerung. Aber auch, um auf Umwegen neue Publikumsschichten zu erschließen.


Das Programm zeigt sich europäischer denn je, ein großer Teil sind heimische Musiker, dazu eine deutliche deutsche Abordnung. Ist das Corona und den Reisebeschränkungen geschuldet?
Ja und nein. Wir sind seit einigen Jahren davon weggegangen, einen so großen Schwerpunkt auf die US-Szene zu legen. Europa hat eine unglaublich vielseitige Szene und braucht sich vor der aus Amerika nicht zu verstecken, im Gegenteil. Und das bilden wir auch ab. Aber natürlich sind wir heuer auf jene Länder konzentriert, bei denen wir am wenigsten befürchten müssen, von Reisebeschränkungen getroffen zu werden.


Zum Kernthema Jazz: Die großen Namen findet man heuer nicht wirklich. Will man sich damit endgültig von Bebop und Freejazz verabschieden und setzt jazzmäßig nur mehr auf die Trends zwischen Brooklyn, London und Berlin?
Was sind denn die großen Namen? Meiner Ansicht nach sind MusikerInnen wie Sylvie Courvoisier, Kris Davis, Craig Taborn, Christian Lillinger, Moor Mother et cetera große Namen – es sind halt die großen Namen von heute. Ich finde es wichtiger, jenen eine Bühne zu geben, die heute neue Impulse setzen. Wie sollen sonst die großen Namen von morgen entstehen?


Die Bandbreite reicht von experimenteller Musik bis Pop und Rumba-Party. Dazu gibt’s auch noch wie Visual Artists. Kann das alles ein künstlerischer Leiter allein überblicken, kuratieren?
Ja, das kann man. Man muss halt eine große Leidenschaft und Offenheit für Musik in ihren vielen Stilformen haben. Zudem reise ich viel herum und entdecke auf anderen Festivals immer Projekte, die ich dann nach Saalfelden bringe, und ich bin auch im Austausch mit anderen Kuratoren. Nicht zuletzt habe ich aber auch noch einen Programmbeirat, der mir zur Seite steht.

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