Buch der WocheJonathan Coe, der große "Oberhalter"

In seinem neuen Roman „Mr. Wilder & ich“ dringt Jonathan Coe tief ins Filmmilieu ein und verbindet Tiefgang und Müßiggang auf wunderbare Weise. Für den Briten müsste man eigentlich ein neues Wort erfinden: Statt "Unterhaltung" müsste es bei ihm "Oberhaltung" heißen.

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Kritischer Brite und brillanter Geschichte(n)erzähler: Jonathan Coe
Kritischer Brite und brillanter Geschichte(n)erzähler: Jonathan Coe © (c) imago images/ZUMA Wire
 

Düstere Zeiten, fürwahr. Und überall Tod, Trauer und Traumata in den aktuellen Buchneuerscheinungen. Naturgemäß lauern auch die Dystopien allerorten. Die Welt steht auf keinen Fall mehr lang und so weiter. Da dürfte leider was dran sein, dennoch ist es eine Wohltat, zwischendurch ein Buch zu lesen, in dem die Welt nicht untergeht, sondern die Menschen darauf unterhalten werden. Wenngleich man für Jonathan Coe ein neues Wort erfinden müsste. Nicht „Unterhaltung“ darf es in seinem Fall heißen, sondern „Oberhaltung“. Denn wie der Brite Tiefgang und Müßiggang in Einklang bringt, ist eine hohe Kunst, über die nur Literatur-Gecken die Nase rümpfen.

In seinem letzten Buch „Middle England“, einer brillanten Brexit-Psychoanalyse, legte Coe sein eigenes Land auf die Couch, in seinem neuen Roman wechselt der unverkrampfte Geschichte(n)erzähler das Fach und projiziert mit „Mr. Wilder & ich“ eine hinreißende Story auf die literarische Leinwand: Ein junges Mädchen namens Calista lernt als Tramperin in den USA zufällig den legendären Filmemacher Billy Wilder und dessen Drehbuchautor I. A. L. Diamond kennen. Die gebürtige Griechin macht zwar alkoholbedingt eine schlechte Figur, hinterlässt aber dennoch einen guten Eindruck bei Mr. Wilder. Als dieser in Griechenland seinen Film „Fedora“ dreht, engagiert er die völlig überraschte junge Frau als Dolmetscherin.

Natürlich gibt es auch hier, wie stets bei Coe, einen doppelten Boden. Aber man schlägt sich als Leser nicht die Nase wund, wenn man darauf landet. Die großen Zeiten von Oscar-Preisträger Billy Wilder sind vorbei, ein anderer großer Fisch hat sich die Zusehermassen geangelt. Er heißt Steven Spielberg und sein weißer Hai lässt die Kinokassen klingeln. Es geht also um das Bröckeln von Gewissheiten und Berühmtheiten, um das alte Hollywood und die neue Garde, die mit eleganten Komödien wie „Manche mögen’s heiß“ oder „Das Appartement“ nichts mehr am Hut haben.

Im Film „Fedora“ dreht sich alles um eine alternde Diva und die Kraft der Erinnerung. Und diese, die Erinnerung, holt auch Billy Wilder bei den Dreharbeiten ein. Das Aufwachsen als Sohn jüdischer Eltern aus Galizien in Wien, die Flucht vor den Nazis nach Paris, 1934 schließlich die Emigration in die USA. Vom Albtraum in die Traumfabrik. Eine Geschichte, wie sie nur ein „Oberhalter“ wie Jonathan Coe erzählen kann.

Buchtipp. Jonathan Coe. Mr. Wilder und ich.
Folio Verlag, 280 Seiten, 22 Euro.

KK
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