Beeindruckendes DebütSophie Hardcastle: Von den vielen Farben des Ozeans

Die Australierin Sophie Hardcastle erzählt in ihrem Roman "Unter Deck" wuchtig und voll Zartheit.

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Die australische Autorin Sophie Hardcastle
Die australische Autorin Sophie Hardcastle © KK
 

Die Untiefen sieht man zuerst nicht. Das Meer und das Leben schillern in allen Farben. Die ersten Kapitel des Buches sind nach Blumen benannt, duften nach Lavendel und Lilien, leuchten rosenrot oder knallgelb wie Löwenzahn.

Olivia, genannt Oli, sieht Farben, wenn sie Töne oder Stimmen hört. Ihr Leben ist bestimmt vom Ozean, von seiner Poesie und Urgewalt, die sie dank des Seebären Mac und seiner blinden Freundin Maggie lieben lernt. Doch aus dem sinnlichen „Meeresgarten“, wie der erste Teil des Romans heißt, wird Oli unsanft vertrieben.

„Ich sterbe am Abend vor meinem Geburtstag, mit 29, fast 30 Jahren.“ Es ist der Abend, an dem sie vergewaltigt wird. Sie ist Skipper auf einem Segelschiff, das nach Neuseeland überstellt werden soll. Und sie ist die einzige Frau unter fünf rund gleichaltrigen Männern. Kann man über so eine traumatische Gewalterfahrung poetisch schreiben?

Die Farben verblassen

Sophie Hardcastle (27) kann es in ihrem Debütroman „Unter Deck“ beeindruckend gut. Denn die Australierin schreibt nicht nur die Geschichte einer Vergewaltigung nieder, sie erzählt von Identitätsfindung und Selbstermächtigung, von der Faszination des Meeres, vom Klimawandel und der rettenden Kraft der Kunst.

Die „Meeresungeheuer“, so der Titel des zweiten Romanabschnittes, bringen die Farben zum Verblassen, nehmen der Heldin die Luft zum Atmen, lassen ihre Würde, ihr Selbstvertrauen und ihre Lebensfreude an der männlichen Gewalt zerschellen: „Ich halte die Luft an. Ist Atmen eine bewusste Entscheidung?“ Die Liebe zum Meer existiert nicht mehr, Hass und Panik haben sie weggeschwemmt.

Oberflächliche Ruhe findet Oli im dritten Teil des Buches („Wüste“) als Kuratorin einer Galerie für feministische Kunst in London. Eine Schiffsexpedition in die Antarktis, die sie nach langem Zögern annimmt, bringt schließlich die Wende – und die Farben zurück. Endlich kann Oli aussprechen, was ihr geschehen ist, fühlt sich geborgen unter den Frauen: „Und wisst ihr was?“, fährt Brooke fort, „ich brauche nur jemanden an meiner Seite, wenn er dieses Leben bereichert“. Ihr Lächeln ist weiter als der Himmel. „Mir macht es keine Angst, eine Frau zu sein.“

Buchtipp: Sophie Hardcastle. Unter Deck.
Kein & Aber, 312 Seiten, 23,70 Euro.

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