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Interview"Es gab einen unglaublichen Aderlass in der Kulturszene"

Zum Tag der Arbeit: Der Wiener Kulturwissenschafter Michael Wimmer über die Zukunft der Künste - und warum es im Zuge der Pandemie zu einer Zweiklassengesellschaft der Kulturschaffenden kam.

Kulturwissenschafter Michael Wimmer © Petra Rautenstrauch
 

Herr Wimmer, nach dem langen erzwungenen Winterschlaf des Kulturbetriebs haben unlängst 53 deutsche und österreichische Schauspieler ihre Frustration in kontroversiellen Video artikuliert und dafür Beifall aus fragwürdigen Ecken bekommen. Was sagen Sie dazu?
MICHAEL WIMMER: So etwas passiert, wenn man die Künstler alleine lässt. Die treibt eine Unzufriedenheit um, aber sie bedenken politisch nicht mit, wessen Spiel sie da überhaupt spielen, und sind dann völlig erstaunt, dass sie von Querdenkern und Rechtsradikalen instrumentalisiert werden. Aber in gewisser Weise macht das auch deutlich, dass Kultur noch brisant sein kann.

Ja, aber so?
MICHAEL WIMMER: Es ist mein großes Ärgernis, dass ich den Eindruck habe, dass die eigentlichen kulturpolitischen Akteure der letzten Jahre eher aus dem rechtspopulistischen und rechtsradikalen Lager gekommen sind. Plötzlich haben die uns nämlich erzählt was österreichische Kultur ist und wovon sie sich abzugrenzen hat. Ich denke nicht, dass wir uns von solchen extremistischen Kräften unsere Kultur definieren lassen sollten, und denke, das sollte von den demokratischen Kräften wesentlich deutlicher artikuliert werden.

Inzwischen fiebert der Kulturbetrieb dem Wiederaufsperren Mitte Mai entgegen. Kann man uneingeschränkt optimistisch sein?
MICHAEL WIMMER: Das Bedürfnis, sich wieder in Öffentlichkeiten mit den Arbeiten zu zeigen, die sich in der Stillhaltezeit angesammelt haben, ist total nachvollziehbar. Zugleich hat es einen unglaublichen Aderlass in der Kulturszene gegeben. Ich denke, auch wenn der Betrieb jetzt wieder losgeht, wird vieles nicht mehr so sein, wie es vor einem Jahr gewesen ist.

Welche gravierenden Veränderungen sehen Sie?
MICHAEL WIMMER: Einerseits gab es ein großes Erschrecken darüber, dass Selbst- und Fremdbild des Kulturbetriebs nicht übereinstimmen. Man hält sich für wichtig und erlebt plötzlich eine weitgehende Ignoranz vonseiten der Politik und der Gesellschaft. Für viele war es ein fast kathartisches Erlebnis, nicht so wichtig zu sein, wie sie dachten.

Sie sagen, die Szene musste zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht systemrelevant ist?
MICHAEL WIMMER: Diese Erkenntnis hat neben den materiellen Schwierigkeiten viele ideell frustriert. Und auch wenn die Bundesregierung und viele Länder einen mittlerweile schon fast unüberblickbaren Dschungel an Hilfsmaßnahmen aufgestellt haben, ist vor allem spürbar geworden, dass es innerhalb des Kulturbetriebs eine Zweiklassengesellschaft gibt. Die großen Tanker wie die Bundes- und Landesbühnen und -museen sind gut abgesichert, vor allem die freien Kulturschaffenden und Initiativen sind an den Rand ihrer Möglichkeiten gekommen. Ich habe mit vielen geredet, die konkret ans Aufgeben gedacht haben. Viele haben ja schon vorher unter extrem prekären Bedingungen gearbeitet.

Das hat sich nochmals verschärft?
MICHAEL WIMMER: Ganz sicher. Leute, die keine finanziellen Reserven haben, werden sich künstlerisches Tun möglicherweise nicht länger leisten können und aufgeben müssen. Und es wird diejenigen treffen, die es am Markt jetzt schon schwer gehabt haben. Aber die Veränderungen betreffen nicht nur die Angebots- sondern auch die Nachfrageseite. Es gab in diesem Lockdown-Jahr eine große Digitalisierungsoffensive, und viele haben sich in ein neues Kulturverhalten eingeübt, aus dem sie möglicherweise nicht mehr so schnell herauskommen werden.

Sie glauben, dass dass tatsächlich bleibt?
MICHAEL WIMMER: Bei manchen sicher. Ich würde das ambivalent bewerten, weil es schon immer technologische Entwicklungen waren, die den Kulturbetrieb nachhaltig verändert haben. Das beginnt mit der Erfindung der Dampfmaschine und der damit verbundenen Mobilität, das betrifft Tonaufnahmen, Radio, Fernsehen, Film und nun das Digitale. Die Sehnsucht nach dem einen einzigen authentischen Erlebnis gilt für viele längst nicht mehr. Und es hat nicht nur negative Effekte, wenn ich als Künstler eine Produktion nicht nur 100 oder 300 Leuten, sondern der ganzen Welt zeigen kann.

Andererseits ist die Digitalitätsmüdigkeit gerade ein großes Thema, und auch der soziale Anreiz von Theater, Kino, Konzerten, die man gemeinsam mit anderen erlebt.
MICHAEL WIMMER: Natürlich, der Hunger nach Interaktion ist riesig groß. Aber ich denke, es wird da einen zweiten großen Veränderungsprozess geben. Wir gehen dem Ende der Repräsentation entgegen. Die Leute wollen sich nicht einschränken lassen auf die Rolle des passiven Publikums, das brav zwei, drei, sechs Stunden dasitzt – sie wollen partizipieren und interagieren und nicht nur stumme Zeugen sein.

Den künstlerischen Prozess auszustellen wird ja schon häufig gemacht.
MICHAEL WIMMER: Ich denke, das wird noch wichtiger werden und hat dann hoffentlich auch entsprechende kulturpolitische Konsequenzen. Wenn es wahr ist, dass wir in das Zeitalter des Publikums als Nutzer eintreten, dann hat das jedenfalls auch Konsequenzen für das Profil der Künstlerinnen und Künstler und vor allem für den Kulturbetrieb selber. Da ist man seit Jahrhunderten gewöhnt, seine Werke zu zeigen – aber jetzt will das Publikum anders einbezogen werden. Gerade auch aus dem Hunger auf das soziale Miteinander. Insofern wird die Anforderung an Kunstschaffende zunehmen, solche sozialen Prozesse zu inszenieren und moderieren.

Damit wird die Künstlerschaft praktisch zum Bespaßer eines amüsierwilligen Publikums?
MICHAEL WIMMER: Man kann dem eine positive Wendung geben und den Kulturbetrieb mit dem Ende der Repräsentation in einem Zeitalter der Interaktion wieder zu einem signifikanten Faktor gesellschaftlicher Entwicklung machen. Natürlich geht es auch um das Unterhaltungsbedürfnis, wenn es vielen Leuten schlecht geht. Aber viel wichtiger ist doch, dass Kunstschaffende zur Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Fragen wie der Zukunft der Arbeitsgesellschaft, Klimawandel, Demokratiemüdigkeit, soziale Ungleichheit beitragen. Das hat weit mehr mit Kommunikation und Intervention zu tun als mit der Herstellung von Artefakten oder Aufführungen, und damit ändern sich möglicherweise Anforderungsprofile und auch Ausbildungsnotwendigkeiten.

Was ist an denen verkehrt?
MICHAEL WIMMER: Der klassische Musikkanon ist abgespielt, die Tausendschaften von Nachschaffenden, die aus den Kunstuniversitäten entlassen werden, sind an den Realitäten vorbei ausgebildet. Wenn es da nicht gelingt, neue Selbstverständnisse künstlerischer Tätigkeit zu schaffen, werden wir immer mehr künstlerische ausgebildete Taxifahrer und Essenszusteller sehen. Das ist eine unglaubliche gesellschaftliche Verschleuderung. Hergebrachtes Kunstschaffen wird meines Erachtens von weiten Teilen der jungen Generation ja überhaupt nicht mehr wahrgenommen, die wollen nicht affirmative Kunst in ihrer Unglaublichkeit bewundern. Das funktioniert nicht mehr, wenn es nicht mit vielfältigen Vermittlungsinitiativen gepaart ist.

Was bräuchte es für positive Entwicklungen an kulturpolitischen Weichenstellungen - und wie sehen Sie uns da aufgestellt?
MICHAEL WIMMER: Ich erlebe die Kulturpolitk der letzten 20 Jahr als stark im Niedergang begriffen. Man hat sich weitgehend zurückgezogen, man hat was immer möglich war, dem Markt überantwortet und zahlt allenfalls dazu. Eigene kulturpolitische Wertungen nimmt man nicht mehr vor. Jetzt erlebt die Künstlerschaft erschrocken, dass ihre Arbeit stark unter den marktwirtschaftlichen Kriterien von Angebot und Nachfrage gesehen wird. Die haben eine Art Kommodifizierung der künstlerischen Tätigkeit erlebt und wundern sich plötzlich, dass sie in Unterhaltung und Freizeitgestaltung eingereiht werden. Dass die Künste gesellschaftliche Werte produzieren, wird von der Kulturpolitik nur noch sehr peripher verhandelt, und ich sehe auch niemanden, der die Kulturpolitik zu einem zentralen Gegenstand der Politik machen würde. Andrea Mayer (die Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Anm.) hechelt den anderen Politikfeldern hinterher und versucht das Äußerste zu verhindern, aber es wird spürbar, dass ihre Kolleginnen und Kollegen die Kultur nur sehr am Rande interessiert.

Es fehlt die Vision?
MICHAEL WIMMER: Ja, weil es keine weitergehenden Gesellschaftsentwürfe gibt, in denen Kultur als zentral verhandelt wird. Ich bin ein vehementer Verfechter einer neuen kulturpolitischen Agenda, aber glaube im Moment nicht, dass die Veränderung von oben kommen wird. Dabei gibt es gerade in der Steiermark wunderbare Vorbilder.

Zur Person

Michael Wimmer, geb. 1950 in Wien, ist Politik- und Kulturwissenschafter. Gründer des Forschungsinstituts EDUCULT.
Zahlreiche Publikationen, zuletzt "Kann Kultur Politik? Kann Politik Kultur? Warum wir mehr über Kulturpolitik sprechen sollten", De Gruyter, 2020.

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