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PorträtJonathan Fine wird neuer Chef im Weltmuseum Wien

Der gebürtiger New Yorker Jonathan Fine leitet künftig das Weltmuseum Wien. Zuvor arbeitete er als Menschenrechtsanwalt, studierte unter anderem Geschichts- und Literaturwissenschaften und ist Afrika-Spezialist. Studierter Ethnologe ist er nicht.

Jonathan Fine
Der New Yorker Jonathan Fine tritt seine Stelle mit 1. Juli an. © Weltmuseum/Moritz Fehr
 

Die Debatte um Rückgabe ethnologischer Museumsbestände an ihre Herkunftsländer erhält durch eine Personalentscheidung neuen Schwung: Jonathan Fine, Sammlungsleiter des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, wird mit 1. Juli wissenschaftlicher Direktor des Weltmuseums Wien. "Der Fokus seiner Arbeit in Berlin liegt auf der Provenienzforschung mit dem Schwerpunkt Benin und Kamerun. Das wird er in Wien nahtlos fortsetzen", sagt KHM-Generaldirektorin Sabine Haag.

Nach einem neuen wissenschaftlichen Direktor des zum KHM-Museumsverband gehörenden und in der Neuen Burg situierten ehemaligen Völkerkundemuseums war mit einer internationalen Ausschreibung gesucht worden. Der gebürtige New Yorker Fine habe in den Hearings überzeugt, die Findungskommission habe sich einstimmig für ihn ausgesprochen, so Haag am Mittwoch im Gespräch mit der APA. Fine bekomme einen unbefristeten Vertrag, der jetzige Leiter Christian Schicklgruber bleibe am Haus.

Der künftige wissenschaftliche Direktor ist kein studierter Ethnologe. Doch Jonathan Fine, der ab 1. Juli das ehemalige Völkerkundemuseum leiten wird, hat einen beeindruckend bunten und wahrlich vielfältigen Lebenslauf, der von New York über Princeton und Yale nach Afrika führt, Literatur-und Rechtswissenschaften kombiniert und Berlin und Benin verbindet.

Doktorarbeit zum Königreich Bamum 

1969 in New York geboren, promovierte Jonathan David MacLachlan Fine an der Princeton University am Department of Art and Archaeology. Seinen Ph.D. erwarb er 2020 mit der Arbeit "The Throne from the Grassfields: History, Gifts, and Authenticity in the Bamum Kingdom, 1880-1929". Bereits zuvor hatte Fine mit Studien der Geschichts- und Literaturwissenschaften in Chicago bzw. Cambridge B.A.s erworben und an der Yale University das Studium der Rechtswissenschaften absolviert. "Er war daraufhin lange Jahre in den Vereinigten Staaten als Rechtsanwalt in den Bereichen Menschenrechte, internationale Handelsstreitigkeiten und Verfassungsrecht tätig, bevor er sich der Kunst- und Kulturwissenschaft zuwandte", heißt es in einer Aussendung des Kunsthistorischen Museums anlässlich seiner Bestellung.

PRESSEFUeHRUNG 'KORRIDOR DES STAUNENS': SCHICKLGRUBER
Christian Schicklgruber, der bisherige Leiter des Weltmuseums, bleibt dem Haus erhalten. Foto © APA/GEORG HOCHMUTH

Am Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin arbeitete Fine seit 2014 als Kurator für die Sammlungen aus Westafrika, Kamerun, Gabun und Namibia, seit Jänner 2020 ist er Museumsleiter. "Er kuratierte Ausstellungen zu Kamerun und dem Königreich Benin. 2017 zeichnete er gemeinsam mit Julien Chapuis und Paola Ivanov für die Ausstellung 'Unvergleichlich' verantwortlich, die afrikanische Kunstwerke aus dem Ethnologischen Museum ausgesuchten Skulpturen aus der Sammlung des Berliner Bode-Museums gegenüber stellte", so die KHM-Presseunterlage.

Benin-Bronzen als Großprojekt

In den Medien wurde Fine zuletzt vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang mit den Benin-Bronzen zitiert, die sich in Museumsbeständen in Berlin wie in Wien finden. Rund die Hälfte der über 500 Benin-Objekte des Berliner Ethnologischen Museums soll eigentlich ab Dezember in zwei Sälen des Humboldt Forums ausgestellt werden. Ob es dazu kommt, und wenn ja, in welcher Form der Präsentation, ist wieder ungewiss. Denn seit die deutsche Politik die Stiftung Preußischer Kulturbesitz angewiesen hat, die bisherige Strategie im Umgang mit Objekten zu überdenken, deren Besitz - im Fall der Objekte aus Benin: durch Erwerb im Kunsthandel - vielleicht legal, aber in heutiger Sicht auf koloniale Unrechtkontexte illegitim scheint, ist Bewegung in die Sache gekommen. Fine verlässt in Berlin jedenfalls eine sehr dynamische Situation. Von ihm wird wohl erwartet, dass er auch in Wien einige Anstöße gibt.

Er fühle sich durch die Bestellung "zutiefst geehrt", wird Jonathan Fine heute in der Aussendung zitiert. "Das Engagement und die Expertise der Wiener Kolleginnen und Kollegen haben mit der Wiedereröffnung 2017 und den folgenden Ausstellungen das Haus in die erste Reihe der internationalen Museumslandschaft gebracht. Nimmt man den unvergleichlichen Reichtum des KHM-Museumsverbands zur kulturellen Dynamik Wiens hinzu, so sind die Voraussetzungen für den Ausbau der Stärken des Weltmuseums enorm."

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