Der deutsche Sprachraum mit seiner Literatur und Philosophie gilt ja traditionell als besonders tiefschürfend. Was hat sie dazu bewegt, sich nicht dem Inhalt, sondern mit der Form auseinanderzusetzen?

Robert Pfaller: Mir ist aufgefallen, dass die Form eine beträchtliche Wirkungsmacht besitzt und dass wir in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit ihr konfrontiert sind. Am deutlichsten ist es wohl beim Witz: wie Sigmund Freud vorführte, kann man Witze so erzählen, dass zwar der Gedanke erhalten bleibt, aber der Witz verschwindet. Dass wir lachen, hängt also an der Form. Und manche Autos kaufen wir, trotz ihres schlechten Rufs, nur wegen ihres bestechenden Designs. Ebenso verhält es sich, wenn wir argumentieren, einem Freund einen Rat geben oder uns aus einer der typischen Gesprächsfallen im zwischenmenschlichen Umgang befreien wollen.

Geben Sie bitte ein Beispiel.

Robert Pfaller: Eine kluge Freundin hatte ein solches nie enden wollendes Kommunikationsmuster mit ihrer Mutter. Was immer sie auch machte, die Mutter hatte immer etwas daran auszusetzen. Bis die Tochter einmal zu ihr sagte: "Weißt du, Mama, ich hab solche Angst, dass du mich nicht mehr lieb hast, wenn ich eines Tages alles richtig mache." Daraufhin musste die Mutter lachen. Form bedeutet hier, dass wir zum anderen aus einer anderen aus einer anderen Position sprechen als der, in der er uns erwartet. Das spielt eine entscheidende Rolle in der Psychoanalyse oder auch in der Psychotherapie, zum Beispiel bei der sogenannten "paradoxen Intervention". Im Alltag kennen wir dasselbe bei der Ironie oder auch beim schwarzen Humor. Heftige Leidenschaften können auf diese Weise entfacht oder aber auch überwunden werden; Affektblockaden behoben und Menschen, die anderer Meinung sind, dazu gebracht werden, ein wenig über sich selbst zu lachen und vielleicht sogar ihre Ansichten zu überdenken. Das alles leistet die Form. Der Inhalt alleine kann es nicht.

Sie kritisieren die aktuelle Kunst, die sich zu sehr auf intellektuelle Elemente fokussiere. Also die heute grassierende Konzeptkunst, bei der es darum geht, soziologische oder kulturwissenschaftliche Erkenntnisse in Kunst zu übertragen. Was ist so schlimm daran?

Robert Pfaller: Die Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre, zum Beispiel von Joseph Kosuth, George Brecht oder Hans Nevidal war eine charmante Gedankenspielerei, die durchaus ihre Form besaß oder sie auch zum Thema machte. Was dagegen heute "Konzeptkunst" genannt wird ist meist eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, welche die Kulturanthropologie, die Soziologie oder der Investigativjournalismus seriöser und überzeugender fertigbringen. Künstlerisch ist sie meist langweilig und reizlos, wissenschaftlich ist sie platt, und politisch überzeugt sie darum immer nur die bereits Überzeugten. Das ist bei einer politischen Kunst, die mit formaler Raffinesse arbeitet, anders – denken Sie an George Grosz, Bertolt Brecht, Hanns Eisler, John Heartfield, Valie Export oder Christoph Schlingensief, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Bei ihnen war die Form immer so verführerisch, dass auch die politischen Gegner nicht umhin konnten, ihre Werke zu rezipieren.

Wenn eine Kunst sich zu sehr auf den Inhalt kapriziert, wird sie platt. Aber kann nicht auch die Betonung der Form problematisch sein? Ich denke, was wir als „manieriert“ empfinden, beruht auf solchen Betonungen der Form. Das empfinden wir als „geschmacklos“. 

Robert Pfaller: Das ist wahr. Allerdings stellt das Manierierte selbst bereits einen Verrat an der Form dar. Denn die Form hat, wie Theodor W. Adorno in Bezug auf die Zwölftonmusik bemerkte, ihre eigene Notwendigkeit, die es erlaubt, das Notwendige vom Überflüssigen zu unterscheiden. Im Manierierten dagegen triumphiert das formal Überflüssige.

„Geschmacklos“ ist ja eine eigentümliche Kategorie. Könnte es etwas ausdrücken, das wir empfinden, wenn wir auf eine misslungene Form oder auch ein aus der Balance geworfenes Verhältnis zwischen Form und Inhalt (etwa ein hoher Inhalt, dargestellt durch niedrige Form) treffen? Aber wenn das so wäre, woher kommt dieses Empfinden? Woher stammt unser Empfinden für richtige Formen?

Robert Pfaller: Die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt ist sicherlich eine Möglichkeit des Geschmacklosen. Aber dieses existiert ja auch dort, wo sich zwischen Form und Inhalt gar nicht unterscheiden lässt – etwa in der Musik, im Experimentalfilm oder in der abstrakten Malerei. Das sogenannte Geschmacklose ist übrigens nicht einfach nur ein Mangel. Denn in der Kunst kann man auf mehr Weisen scheitern als zum Beispiel in der Technik. Sicherlich kann auch in der Kunst, ähnlich wie in der Technik, etwas auf unzureichende oder überholte Weise gelöst sein. Aber in der Kunst gibt es eben auch noch das Geschmacklose – das heißt: das Klischeehafte und den Kitsch. Dafür gibt es, glaube ich, in der Technik kein Pendant. Dass wir den Kitsch verabscheuen, lässt sich psychoanalytisch erklären. Es hängt zusammen mit dem Umstand, dass wir in unserer psychosexuellen Entwicklung das infantile Stadium des "primären Narzissmus" überwinden mussten, wo es so aussah, als ob das Wünschen helfen würde. Seit wir dieses Stadium verlassen haben, ist uns alles, was zu wunschgerecht anmutet, für uns unerträglich: Es wirkt nun unheimlich oder ekelig. Im Gegenzug kann die Kunst aber dann für uns neue Standpunkte erschließen, von denen aus das Schlechte dann wieder gewürdigt und genossen werden kann: weil es, wie man sagt, "so schlecht ist, dass es schon wieder gut ist". Seit die Kunst ihr Anderes im Kitsch hat, ist sie darum ständig in Bewegung und kann sich nicht auf angeblich ewige Gesetze der Form verlassen: Sie muss sich bewegen, weil frühere Ausweichbewegungen gegenüber dem Kitsch unzureichend geworden sind; weil neue Umwertungen möglich sind; oder weil die soeben noch gelungenen Umwertungen wieder aufhören, zu wirken.

Alles muss heute nützlich und vernünftig sein, selbst die Kunst. Gibt es irgendetwas, was mit in Zeiten des Neoliberalismus und Kapitalismus dem Konzept der Nützlichkeit entgegensetzen kann?

Robert Pfaller: Wenn, so glaube ich, gehört die Kunst jedenfalls zu den ersten, die damit beginnen müssten. Es wäre auch politisch nicht ohne Wirkung, wenn wir mehr zweckfreie Kunst hätten, die die Menschen wieder daran erinnert, dass auch sie selbst nicht nur zum Funktionieren auf der Welt sind.

Der Philosoph Robert Pfaller
© Marco Prenninger

Die Gesellschaft wird immer formloser und legerer. Das allgegenwärtige Duzen, das Verschwinden der Rituale, die unsere Gesellschaft regeln usw. Die „sozialen“ Medien haben das noch einmal beschleunigt, dort herrscht ja fast ausschließlich ein besonders rüder Ton. Braucht es wieder mehr Form im Umgang miteinander?

Robert Pfaller: Ein formloser Umgang erscheint auf den ersten Blick oft befreiend und zwanglos. Aber das kann täuschen. Ein Chef zum Beispiel, der mich zumindest siezen muss, kann sich mir gegenüber weniger herausnehmen als ein duzender. Und wenn die Menschen im öffentlichen Raum die Form wahren, dann treten sie, wie Richard Sennett richtig sagt, theatralisch, gleichsam als Masken, auf. Darum spüren sie einander dann auch nicht sofort auf der eigenen Haut. Das würde die vielen Empfindlichkeiten ersparen helfen, über die derzeit so viele klagen. Ein formaler Umgang ist der Geselligkeit förderlicher als ein intimer.

Sie werfen der Kunst auch vor, viel zu stark an „Wahrheit“ interessiert zu sein, wobei die Kunst ja traditionell (von der Oper bis Hollywood) von extremer Künstlichkeit, vom Schein geprägt war. Mittlerweile lebt selbst Popkultur jedoch vom „Authentischen“, die selbst in völlig künstlichen Formaten wie dem Reality-TV behauptet wird. Haben Sie eine Erklärung, wie das passieren konnte?

Robert Pfaller: Die Rockmusik um 1968 lebte sicherlich stark von dem für diese Generation prägenden Mythos der Authentizität. Heutige Formen von Popkultur wie zum Beispiel das Reality-TV hingegen stützen sich auf etwas anderes. Jede Bühne bewirkt eine Fiktionalisierung des Gezeigten. Wenn man einen echten Rokokostuhl auf eine Theaterbühne stellt, wirkt er wie eine billige Kopie. Und wenn man einen Idioten ins Fernsehen stellt, wirkt er, als würde ein guter Schauspieler ihn spielen. Das ist unterhaltsam. Nur nützt es dem Idioten, wie die meisten von ihnen zu spät bemerken, leider nicht.

Sie schreiben, dass formale Elemente als Gedankenhilfe funktionieren: Sprachliche Bilder und Vorstellungen sind gleichsam Geistesblitze, die unseren Gedanken erst auf die Sprünge helfen. Könnten Sie das noch ein wenig präzisieren?

Robert Pfaller: Es wird oft angenommen, die Sprache der Wissenschaft wäre alleine eine Angelegenheit des Inhalts, gleichgültig gegen ihre bestimmte Form. Viele Wissenschaftler schreiben auch entsprechend achtlos, und Forschungsinstitutionen zwingen sie darüber hinaus auch noch zu ständigen Paraphrasen – zum Beispiel in den Forschungsanträgen und -berichten. Wenn man sich jedoch die Gründungstexte neuer Wissenschaften ansieht, wie zum Beispiel Ferdinand de Saussures "Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft" von 1916, Sigmund Freuds "Traumdeutung" oder "Das Kapital" von Karl Marx, dann bemerkt man schnell, dass hier regelmäßig eine bestimmte Schönheit herrscht, eine poetische Gewitztheit in der Wahl der Formulierungen und Beispiele, und oft auch ein beträchtlicher Humor in der Darstellung. Und ohne ganz bestimmte Beispiele wären die entscheidenden Gedanken dieser neuen Theorien offenbar nicht zustandegekommen. Es gibt also offenbar zwei Arten wissenschaftlichen Sprechens und Schreibens: innovative, die immer auch poetisch sind, und andere, die beides nicht sind. Wir haben es zu tun mit Sprachen der Erkenntnisgewinnung auf der einen Seite, und Sprachen der Erkenntnisverwaltung auf der anderen.

Robert Pfaller. Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form. S. Fischer. 288 Seiten. 22,70 Euro
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