Sind Sie bereits viel mit Maske unterwegs?
ANNA SCHOBER-DE GRAAF: Hin und wieder. Als ich mit meinem Mann und meinem Sohn das erste Mal mit Gesichtsmaske unterwegs war, fand ich das etwas bizarr. Vor allem, weil es vor nicht allzu langer Zeit dieses Vermummungsverbot gab, das sich vor allem gegen muslimische Frauen richtete. So etwas kann also sehr schnell umschlagen. Das war auch in der Türkei der Fall. Unter Atatürk mussten die Frauen das Kopftuch ablegen, jetzt sollen sie es wieder tragen.

Kulturanalytikerin Anna Schober-de Graaf
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Ein durchschnittlicher Japaner verbraucht mehr als 40 Gesichtsmasken im Jahr. Wird das bei uns auch schon bald hygienischer Standard sein?
Ich habe gehört, dass man in Italien jetzt am Strand, sogar im Sommer, Maske tragen soll. Das ist in China schon der Fall – dort sind beliebte Touristenorte leer und die wenigen, die am Strand sind, tragen Maske. Auch wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Es ist sicher so, dass Masken in unserem Alltag bisher nicht so eine große Rolle gespielt haben, aber sie haben durchaus Tradition.


Woran denken Sie dabei konkret?
Zum Beispiel an mittelalterliche Darstellungen von Menschen, etwa bei Giotto, die sich ein Tuch vors Gesicht halten, um sich vor Verwesungsgeruch zu schützen, etwa bei der Auferstehung von späteren Heiligen wie Lazarus. Aber auch aus der jüngeren Zeit kennen wir Bilder von Flüchtlingen und Migranten an der Südgrenze Europas, denen die Polizisten und Sanitäter mit Gesichtsmasken entgegentreten, als müssten sie sich vor einer Ansteckung durch die Fremden schützen. Das kommt wohl aus der Zeit der Pest, als Seuchenärzte mit ihren typischen Schnabelmasken Wächter des Gemeinwesens waren. Es geht also auch um symbolische Abgrenzung. Ich habe mich einmal im Zuge der Forschung für eine Ausstellung mit der Geschichte von Lazaretten und Quarantänestationen für Schiffe befasst, etwa in Venedig oder Triest. Es war vom 14. bis in das 18. Jahrhundert in vielen Hafenstädten ganz normal, dass Reisende eine Zeit lang in Quarantäne verbrachten, bevor sie in die Gemeinschaft kommen durften. Das ist uns alles nicht mehr so bewusst.

Balkonperformance als Versuch, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten
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Vereinzelung ist wieder ein großes Thema geworden. Vor allem Vertreter des Surrealismus und der metaphysischen Malerei, etwa Giorgio de Chirico oder René Magritte, haben dafür starke Bilder gefunden. Sehen Sie auch neue künstlerische Ansätze, um mit der aktuellen Situation umzugehen?
Die Vereinzelung ist natürlich enorm. Wir versuchen trotzdem Möglichkeiten zu finden, wie man einen Austausch führen kann, auch in künstlerischer Weise. Diese Balkonperformances sind so ein Versuch, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Sie werden aber auch schnell zu einer Echokammer, die viel mit Selbstdarstellung zu tun hat. Wenn so etwas sehr oft imitiert wird, verbraucht es sich rasch. Trotzdem sind es Versuche, über Kunst und Kultur die Wahrnehmung zu bereichern. Das gilt auch für diese Lesungen aus dem Roman „Die Pest“ von Albert Camus, wo ein älteres Kunstwerk aus der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Gegenwart neu entdeckt wird. Beim Osterspaziergang habe ich auch diese bemalten Steine gefunden, die jetzt überall herumliegen. Einer gab das Bild der Titanic wieder – die Titanic als Metapher für die westliche Gesellschaft an der Kippe des Untergangs. Solche Motive werden jetzt adaptiert und mit einem neuen Fragezeichen versehen.


Ist Kunst also ein Versuch, in unserer verunsicherten Gesellschaft ein wenig Halt zu finden bzw. anderen Halt zu geben?
Ja, sie ist vor allem ein Versuch, Öffentlichkeit herzustellen. Zum Beispiel habe ich einen jüngst produzierten Film über Neapel in Erinnerung, der in Anlehnung an ein Gedicht von Giuseppe Ungaretti entstand, mit dem berühmten Schauspieler Luca Zingaretti, der auch den Commissario Montalbano spielt. Man sieht in dem Film das fast menschenleere Neapel – Ambulanzwägen, einen Seuchensanitäter, leere Plätze etc. Das Gedicht spricht von Ruinen, vom Zerbersten des Sinns. Und das ist auch die alte Funktion der Kunst: so einem speziellen Moment Dauer zu verleihen und in 50 oder 100 Jahren Einblick zu geben in das, was wir gerade erleben.

Wird die Krise unsere Kultur nachhaltig verändern?
Ich glaube, wir sind jetzt alle dabei, sehr schnell zu lernen, etwa im Bereich des digitalen Unterrichts an den Schulen und Universitäten. Innerhalb einer Woche haben wir uns damit vertraut machen müssen. Dass wir alle zu Hause sein müssen, bindet uns in besonderer Weise an den Computer, das Internet, die Medien, weil wir ja Informationen brauchen. In einer italienischen Zeitung habe ich zum Beispiel gelesen, dass in einem Krankenhaus in Genua Frauen nur noch ohne Begleitung gebären dürfen. Die Väter können bei der Geburt aber via Livestream mit dabei sein. Das ist etwas vollkommen Bizarres und für die Frau stelle ich mir das extrem anstrengend vor, weil sie nicht nur ein Kind zur Welt bringen muss, sondern auch noch mit ihrem Partner kommunizieren soll. Nachhaltige Veränderungen wird es also mit Sicherheit geben …

Demonstrativer Abstand bei einer Kundgebung in Tel Aviv gegen Israels Premier Netanjahu
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