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Musikrückblick 2019Alles bleibt besser

Ganz im Gegensatz zu den Unkenrufen aller Kulturpessimisten: Auch 2019 gab es keinerlei Anzeichen dafür, dass Popmusik langweiliger, schwächer, uninteressanter würde. Hier ein winziger Auszug aus all der großarigen Musik, die heuer wieder gemacht wurde.

Cardi B
Cardi B wurde heuer auch mit dem Grammy für beste HipHop-Performance ausgezeichnet. Kann man wenig dagegen sagen. © Matt Sayles/Invision/AP
 

Deichkind - Richtig gutes Zeug

Musik ist ja immer größer als ihre Schöpfer, aber dass Deichkind mit ihren als Dauerparty maskierten Nummern immer weiter reichen als bloß bis zum nächsten Dosenbier, ist nicht einfach Glück, sondern Strategie. Mit "Richtig gutes Zeug" gelang ihnen das nächste kleine Meisterwerk in einer langen Reihe kleiner Meisterwerke. Das Gebrabbel eines Kiffers wird zur Chiffre einer dingorientierten Welt, zum Monolog eines Konsumzombies, der sich in der Warenwelt längst verloren hat. Und das dazugehörige Video mit seinen surrealistischen, drogeninduzierten Entfremdungsbildern zeigt, dass die Band visuell mindestens so interessant wie akustisch.

Bilderbuch - LED go

Bilderbuch vollführen 2019 ein Kunststück, das - egal in welchem Bereich - zum Allerschwersten gehört: Nicht nur an die Spitze kommen, sondern auch dort bleiben. Der noch bessere Popsong war wohl "Sandwishes", aber der kam bereits im Dezember 2018 heraus, deshalb "LED go" vom einige Monate danach veröffentlichten Album "Vernissage my heart". Auch"LED go" lebt von seiner sprachlichen Anmut und seiner mühelosen Verspieltheit, vom Wissen, dass Popmusik ein Spiel mit Möglichkeiten ist. Optimistisch und voller Zuvertrauen an die eigene Größe wie der allerbeste Pop der frühen 80er: Behaupte einfach frei zu sein, die Realität wird folgen.

Cardi B - Money

Selbstmächtigung, die nächste. Nur dass Cardi B aus einer sozialen Realität heraus agiert, die ein bisschen härter ist, als jene von Bilderbuch. So geht Feminismus der Gegenwart: Cardi B inszeniert sich inmitten des Wahnsinns des US-Neoliberalismus in "Money" als Königin. Es ist eine Machtphantasie größten Stils: "I like boarding jets, I like morning sex, but nothing's in this world that I like more than checks", ist die beste Songline 2019 (auch wenn die Nummer streng genommen noch Ende Dezember 2018 herauskam). Cardi B zeigt noch einmal exemplarisch, worum es in HipHop von allen Anfang an ging: Um die Position der Machtlosigkeit hinter sich zu lassen. Und das Video dazu untermauert alle diese Ansprüche, das Sexobjekt wird zum Subjekt, umgeben von alten, weißen Männern, Vertreter einer Welt, die knapp vor dem Fall ist. 

Richard Dawson - Two halves

Richard Dawson schlägt ganz andere Töne an: Der große Weird Folk Musiker aus Nordengland hat in den letzten Jahren einige herausragende Alben veröffentlicht. Auf "2020" pflegt er thematisch eine Art Hyperrealismus. Der Fußballsong "Two halves" besteht ausschließlich aus Sätzen, die im Zuge eines Matchsbesuchs so fallen. Dawson zeigt sich mit solchen Stücken als penibler Chronist des Lebens in England in der Gegenwart (allein der Albumname "2020"!), und gewinnt aus der detailreichen Beschreibng des Alltags ein beredtes Gesellschafts- und Zeitporträt. Das zeigt auch "Jogging" gleich als nächstes.

Richard Dawson - Jogging

Dieser großartige Song ist eigentlich nichts mehr als die Geschichte über eine Angststörung und die ausführliche Erklärung, warum ein Mensch mit einer solchen Angststörung letztlich mit Sport anfängt. Und was er sich dabei so denkt. Auch da gelingt Dawson aus dem Alltäglichen heraus die Verwerfungen der Gegenwart erkennbar zu machen. Dawsons extremer Realismus, der das Bizarre des Banalen kenntlich macht, gerechtfertigt jedenfalls diese Doppelnominierung von "2020". Und dieser Realismus steht überdies im reizvollen Konstrast zu Dawsons Haken schlagendem Gesang.

Billie Eilish - Bad Guy

2019 war das Jahr von Billie Eilish. Futter für die Hoffnung jener, die immer noch daran glauben, dass eine 17-Jährige buchstäblich aus dem Nichts erscheinen kann, großartig-eigenständigen, aber unverkennbar gegenwärtigen Pop macht und damit auch noch Millionen Fans rekrutiert. Das umwerfende "Bad Guy" (676 Millionen Klicks auf YouTube können zwar irren, aber liegen hier goldrichtig) ist gewissermaßen das Realität gewordene Popmärchen. So gut waren die Charts schon lange nicht mehr, dank dieses Teenagers.

75 Dollar Bill - I Was Real

Von der populärsten Musikerin dieser Liste direkt zur kleinsten Nische. Das New Yorker Duo Rick Brown und Che Chen kreierte 2019 bereits zum dritten Mal weltläufige Soundarchitekturen, in denen man nur zu gern stehenbleibt um sie zu bestaunen. Postrock, Jazz und Ethno werden hier zu intensivem Minimalismus verdichtet. Beispielhaft dokumentiert in dieser 16-Minuten-Trance. Da gibt es natürlich kein Video dazu, ob es die Idee der Band war, diese Musik mit einem Bild, das Dennis Hopper (mutmaßlich mit Regisseur Sam Fuller) zeigt, zu illustrieren ist mir nicht bekannt. Merkwürdigerweise passt es aber ziemlich gut zu dieser Musik, in der sich die Gegensätze von Spannung und Entspannung auflösen.

Gaye Su Akyol - Bir Yaralı Kuştum

Die Musik von 75 Dollar Bill erscheint auf einem der spannendsten Label der Gegenwart, dem in Deutschland ansässigen Glitterbeat. Das von Peter Weber und Chris Eckman (Ex-Walkabouts) geleitete Label kümmert sich um World Music, die diesen Namen wahrlich verdient: Das Spektrum des Katalogs ist stilistisch abenteuerlich gefächert, der Fokus liegt zwar auf Afrika, aber Glitterbeat verbreitet spannende Musik aus allen Ecken der Welt. Etwa auch Gaye Su Akyol, eine Singer/Songwriterin aus Istanbul, die östliche und westliche Sounds verschmelzt. Hier eine ihrer Klang-Alchemien, waidwunder Surfrock aus der türkischen Metropole.

Bantou Mentale - Mama Ho!

Von der türkisch-kalifornischen Verbindungen nun hin zu einer französisch-kongolesischen Mischkulanz. Noch ein dritter Act aus dem fabelhaften Schmelztiegel Glitterbeat ist Bantou Mentale. Der aus dem Kongo stammende und in Paris lebende Künstler Cubain Kabeya mischt mit seiner Band Afrobeats und Elektronik zu vor Energie vibriender Clubmusik, hier der düstere urbane Findling "Mama Ho!", ein Hörabenteuer aus akustischen Codes aus unterschieldlichen "Kulturkreisen", wie man für gewöhnlich sagt, zusammengefasst zu einer neuen, spannenden Erzählung.

Czarface meets Ghostface -  Powers And Stuff

Egal ob Denzel Curry, Chance, the Rapper, Tyler, the Creator, Little Simz, Lizzo - HipHop bleibt wie die Jahre zuvor auch 2019 das ergiebigste stilistische Feld. Statt nun noch einmal auf der vielen Konsensplatten hinzuweisen (alle obengenannten Künstler gehörten eigentlich auch auf die 12-er-Liste), sei eigentich ziemlich wahllos auf einen der zahllosen Acts aus dem HipHop-Universum hingewiesen, die trotz ihrer Klasse im Schatten stehen. Das Projekt Czarface wird von 7L, Esoteric und Inspectah Deck (Wu-Tang-Clan) betrieben, wobei sich das Trio immer wieder auch Gastkünstler für Konzeptalben einlädt. 2019 war es der Wu-Tang-Kollege Ghostface. Hier ein wunderbarer Track, der aus dieser Zusammenarbeit entstand.

Die goldenen Zitronen - Das war unsere BRD

"Gebt doch endlich zu euch fällt sonst nichts mehr ein" wäre die noch schönere Wahl vom durchgehend gestochen scharf getexteten "Goldenen Zitronen"-Album "More than a feeling" gewesen, aber da haben die Hamburger Ur-Punks leider kein Video dazu gemacht. Stattdessen der etwas nostalgische und sehr ironische Rückblick auf die BRD, die im Rückspiegel ironischerweise wie ein Idyll anmutet: Ein Land ohne Neonazi-Banden, ohne AfD und neoliberalem Wahnsinn. Die halbe Wahrheit kann sich manchmal sehr richtig anfühlen.

Purple Mountains - All my Happiness is Gone

Das traurigste zum Schluss. David Berman war einer der seelenvollsten alternativen Singer/Songwriter, dessen Alben mit den Silver Jews zu den Höhepunkten der amerikanischen Indiemusic zählten. Der von einer sensiblen Seele geplagte Mensch war schon lange verstummt, bevor er 2019 mit dem Album "Purple Mountains" zurückkehrte. Songs wie "All my Happiness is Gone" sind in ihrer Bitterkeit, ihrer durch Sarkasmus nur wenig gemilderten Härte und Verzweiflung eine recht schweißtreibende Sache. Einen Monat nach der Veröffentlichung des Albums hat sich David Berman von dieser Welt verabschiedet. Verdammte Verschwendung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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