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Straffe InszenierungKoleznik inszeniert "Medea" in Stuttgart

Nestroy-Preisträgerin Mateja Koleznik feierte gestern Abend mit "Medea" am Staatstheater Stuttgart Premiere. Für Grillparzers Trauerspiel benötigte sie nur 75 Minuten.

Medea
Medea © (c) Thomas Aurin (Thomas Aurin)
 

Nach 75 Minuten ist die Tragödie vorbei. Die radikale Kürze könnte das einzige sein, das Mateja Kolezniks "Medea"-Inszenierung, die am Freitag in Stuttgart Premiere hatte, mit Simon Stones "Medea"-Version verbindet, die kommende Woche am Burgtheater herauskommt. Koleznik dickt Grillparzers Trauerspiel zum Konzentrat ein, Stone mischt Euripides mit einer realen US-Familientragödie aus den 1990ern.

In Stuttgart, wo Burkhard C. Kosminski zu Beginn seiner Intendanz auf einen kleinen Österreich-Schwerpunkt setzt (vor wenigen Tagen hatte eine Inszenierung von Susanne Lietzow Premiere, im Jänner folgen "Die Weber" in der Regie von Georg Schmiedleitner), überwältigt zunächst (wieder) einmal das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt. Schauplatz ist ein düsteres, mächtiges, dunkelgrün gefliestes Stiegenhaus, das sich um einen hell erleuchteten, von Kippfenstern aus Drahtglas begrenzten Turm windet. Was wie ein Liftschacht aussieht, stellt sich im Laufe des Abends als Treppe im Totenreich heraus, über das am Ende nicht nur Medeas toter Vater und Bruder, sondern auch die beiden von ihr gemordeten Söhne als nackte Gespenster wandeln werden.

So faszinierend (und so anders als das Stiegenhaus in ihrer Josefstädter "Wildente") dieses Bühnenbild ist, es führt dazu, dass Dinge höchster Wichtigkeit entweder quasi zwischen Tür und Angel oder auf den Stufen sitzend verhandelt werden. Eine ähnliche Diskrepanz betrifft Grillparzers hohe, gelegentlich hohle Sprache, die nicht immer dafür geschaffen ist, als im Stakkato durchgesprochener Ehestreit verwendet zu werden. Aus Spannungsverhältnissen wie diesen hat Mateja Koleznik, die kürzlich mit einem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurde, allerdings immer wieder faszinierende Abende geschaffen. Dass das diesmal nicht ganz gelingt, liegt nicht nur an der allzu forcierten Reduktion auf das Allerwesentlichste, sondern vor allem an den Männern.

Während nämlich Titelheldin Sylvana Krappatsch (in Wien noch aus ihrer Zeit am Schauspielhaus in bester Erinnerung) und Katharina Hauter als korinthische Königstochter Kreusa einander ein facettenreiches und sehenswertes Duell liefern, erweist sich Jason in der Darstellung von Benjamin Pauquet als ganz und gar nicht heldisch. Ein unschlüssiger und unlustiger Schlaffi, der in der ersten Bedrängnis umstandslos seine Frau preisgibt, mit der Jugendliebe wieder anbandelt und für all' diese Charakterlosigkeiten noch Verständnis haben möchte. Auch das Format, das Klaus Rodewald seinem König Kreon verleiht, ist um zwei Nummern zu klein geraten. Von den Zwängen der großen Politik, der Gier nach dem Goldenen Vlies und der Angst vor den Zauberkräften Medeas sind nur Andeutungen übrig. Am Ende bleibt trotz eines sehr freundlichen, langen Schlussapplauses das sichere Gefühl: Da wäre noch mehr gegangen. Nicht nur in zeitlicher Hinsicht.

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