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Stadttheater KlagenfurtDas Leben, ein Käfig

Seine Frau ist todkrank, ihm sieht man es an: Tschechows "Iwanow" in der klaren Befundung von Mateja Koležnik.

© Stadttheater Klagenfurt/Karlheinz Fessl
 

Keine weite Landschaft, keine typisch russische Seele, kein Kartenspiel und keine Langeweile. Knappe zwei Stunden braucht Regisseurin Mateja Koležnik, um den antriebslosen Nikolai Alexejewitsch Iwanow endlich zu einer Handlung zu zwingen. Den Blicken des Publikums entzogen, zieht er den Schlussstrich. 

Die slowenische Regisseurin ist bekannt für kernige Inszenierungen in einem Bühnenraum, der meist nur Ausschnitte zeigt. Das von Anton Tschechow als "Komödie" bezeichnete Stück hat sie regelrecht eingedampft, die Essenz in einen hell ausgeleuchteten Gang (Bühne Raimund Voigt) mit großen Fenstern gelegt - aus diesem Käfig kommt keine(r) heraus, der Blick ins Freie zeigt nur Dunkelheit. Wenn draußen Wind aufkommt, klingt das als würde ein Zug vorbeirauschen. Ein schlüssiges Modell für die Leere dieser Gesellschaft sowie für Iwanow, der sich als überflüssig empfindet und zwar insbesondere dort, wo er sich gerade aufhält und gleichermaßen eine Zumutung für die Zuschauer, die davon nie alles mitkriegen. 

Des Lebens lange Weile. An diesem Abend fliegt sie - wie auch das Kartenspiel - nur als Gesprächsfetzen vorbei und ist doch deutlich spürbar. Dass daraus Langeweile werden könnte, verhindert die geradelinige Form. Auch die Kürze lässt kein Ausfransen zu. Dieser Iwanow ist im 21. Jahrhundert gelandet. Vom Nichtstun müde, geht man auf öde Parties, man tanzt den Frust weg, macht Geschäfte und veranstaltet zwischendurch ein Leistungstrinken, bei dem die drei Silben "na-zdro-wie" gerecht verteilt werden.

Iwanow hat seine jüdische Frau Anna/Sara nur wegen des Geldes geheiratet, er hat Schulden, jeden Abend treibt ihn "die Schwermut" zu den reichen Nachbarn, den Lebedjews. Deren 20-jährige Tochter Sascha glaubt die einzige zu sein, die Iwanow retten kann. Andere empfehlen ihm, dringend einen Nervenarzt aufzusuchen. Als Anna ihn zur Rede stellt, wirft er ihr an den Kopf, dass sie schon bald an Schwindsucht sterben wird. Hier setzt die Regie eine von wenigen Pausen. Anna verdaut die Nachricht wortlos, indem sie kleine Brezen isst. Iwanow schleicht sich. 

Die Besetzung ist bis in kleinere Rollen großartig: Markus Hering windet sich als depressiver Iwanow in einer Mischung aus Selbstmitleid und Verstörung, Gerti Drassl fällt sehr glaubhaft aus tänzelnder Heiterheit in die Realität. Michael Prelle (Lebedjew), Florentin Groll (Graf) und Axel Sichrovsky (Gutsverwalter) gefallen als saftige Charaktere, Katharina Wawrik als naive Sascha mit Helfersyndrom. Der junge Arzt, der Iwanow vergeblich ins Gewissen redet, ist bei Holger Bülow gut aufgehoben. In ungewohnt damenhafter Aufmachung (Kostüme: Alan Hranitelj) erlebt man Maria Hofstätter als Lebedjews Frau. 

 

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