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PremiereEd. Hauswirth-Produktion "Exit" überzeugte bei Uraufführung in Linz

"Es ist so viel", klagt Figur Hanno und das gilt - ins Positive gesetzt - für das ganze Stück: Idylle, Groteske, Klamauk, Satire, Beziehungsstudie, Gesellschaftskritik, selbst Politisches spielt mit in dem sehr gelungenen Abend.

© Theater Phönix/Christian Herzenberger
 

Die aggressive Idylle "Exit - Ich liebe meine Panik" von Ed. Hauswirth und dem Ensemble hat am Donnerstag im Linzer Phönix Theater eine umjubelte Uraufführung gefeiert.

"Angenommen, du ziehst in ein Wohnprojekt und entdeckst, dass dein Mann seinen Humor verliert in Gemeinschaft und du die Gemeinschaft aber sehr genießt", sinniert Heidi (Marion Reiser als Paradedeutsche) am Anfang. "Angenommen, du ziehst in ein Wohnprojekt und denkst, die anderen mögen dich nicht", hält ihr Mann Peter (unterdrückt aggressiv: Felix Rank) dagegen. Drei Pärchen und "Küken" Paul, Single und Kulturanthropologe, sind die Bewohner des kofinanzierten Eigenheims, Abbild unserer Gesellschaft im Mikrokosmos Wohnprojekt. Volksschullehrerin Sabrina (energisch: Anna Maria Eder) stellt alle vor und schon geht es zur Sache im unterirdischen Gemeinschaftsraum beim von Paul (Rafael Wieser überzeugt als Millennial) geleiteten Tai Chi.

Dass sehr wohl in "Mein" und "Dein" konkurrenzgedacht wird, stellt Bea (herrlich kalt und böse blickend: Martina Zinner) gleich einmal klar. "Jednfois ham mir die größte Wohnung", sagt die vom Kinderwunsch beherrschte Gattin des "Bestverdieners" Eddie (Markus Hamele als zunehmend unsympathisch werdender Establishment-Vertreter). Sabrina und Start-up-Inhaber Techniker Hanno (gewaltig aufspielend: Rupert Lehofer) haben zwei Kinder, am wenigsten Geld und die meisten Schulden.

Doch alles ist eitel Wonne, alle haben sich lieb - und die Fassade bröckelt, denn auch in der so geliebten Gemeinschaft kann keiner aus seiner Haut und seinem Ego. Da hilft weder gewaltfreie Kommunikation noch Mediation. Mal wird einer laut wegen falsch getrenntem Müll, mal wegen Katzenhäufchen im Zen-Garten. Eine schwere Krise vor etlicher Zeit führte zur "Soziokratie" - Unterschied zur Demokratie: "Des angfressn sein foit weg", so Bea.

Die gut eineinhalb Stunden vergehen rasant, leben vom exzellenten Spiel jedes einzelnen Darstellers - Rank erntete Szenenapplaus für seine Schlagerdarbietung in Lederhose - und dem klugen Bühnenbild von Johanna Hierzegger mit einem Indoor-Zen-Garten im Zentrum, Kletterwand, Riesensofas und sehr geschickt eingesetzten Projektionen. Ed. Hauswirth, Leiter des Grazer Theater im Bahnhof, und das aus Linzern wie Grazern bestehende Ensemble, die den Text während der Proben aus Improvisationen schufen, haben viel in diese erste Kooperation der beiden Häuser hineingepackt, überfrachtet wirkt aber nichts.

Große Fragen, Träume, Ängste und Nöte werden behandelt, Themen unserer Zeit (hashtag, metoo, späte Elternschaft, Österreichs neue Regierung, Eigentum) aufgegriffen und nichts Menschliches (Sex, Betrug, Neid, Macht) ausgespart. Starke Bilder entstehen, wie das der auf Polnisch schimpfenden Sabrina, des auf den Tennisball eindreschenden Eddie, von einer Bea mit Killerblick und dem mit einer Grillzange erbost müllstierlnden und am Ende verzweifelten Hanno ("Des is mehr als i reparieren kann") - getoppt von der rockigen Schlussnummer "Wonderful World", bei der Rank abermals sein Gesangstalent beweist und die anderen lustvoll auf die Perkussionsinstrumente einschlagen.

Auch wenn am Ende vieles auf der Bühne in Trümmern liegt, seinen positiven Grundton verliert das Stück nie. Und ob so ein Wohnprojekt das Richtige ist, weiß man ohnehin nie - außer man steckt grad mittendrin. Für alle anderen ist "Exit" ein sehr anzuratender Abend, der zum Nachdenken anregt, Politik und Gesellschaft reflektiert und in dem es zutiefst menschelt.

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